Die Lücke zwischen Anspruch und Wirklichkeit

Manchmal ist man mit sich selbst einfach nicht im Reinen. Nicht zufrieden. Ich jedenfalls habe solche Phasen immer wieder mal: Wenn die Lücke zwischen den Ansprüchen, die ich an mich selbst habe, und dem, was ich davon umgesetzt bekomme, die Ansprüche zwischen dem, was und wie ich gerne wäre und dem, was und wie ich tatsächlich bin, größer ist als sonst.

Seit einem Monat studiere ich jetzt wieder. Und das ist, bei allem Spaß, den es mir macht, nicht nur wegen der Begleitumstände ein wenig anstrengend. Ungewohnt, nach einer ganzen Zeit des mehr-oder-weniger-Nichtstuns. Plötzlich fallen viele Dinge wieder hintenrüber, für die nun keine oder nur wenig Zeit bleibt neben dem Vorbereiten von Seminaren, der Fahrerei und den Seminaren selbst. Ich fühle mich von der Uni nicht überfordert und ich habe Lust auf und Spaß an den Dingen, die ich für das Studium tue (tun muss). Aber ich möchte so gerne noch mehr tun: Ich möchte mehr bloggen, mehr schreiben, mehr lesen. Ich möchte mehr Zeit für’s Klavier- und Gitarrespielen haben. Ich möchte mehr Sport machen (obwohl ich mir die Zeit dafür meistens schon nehme). Ich möchte backen, Geschenke für die Dezember-Geburtstagskinder und Weihnachten vorbereiten, möchte mich auf Weihnachten freuen und die Zeit dahin bewusst erleben, wo ich mich doch dieses Jahr schon so ungewöhnlich früh (wohl wegen des kalten, weihnachtlichen Wetters) so weihnachtlich fühle.

Ja, ich möchte dieser Jemand sein, der alles irgendwie schafft und unter einen Hut bekommt. Ich weiß, dass ich das (besser) könnte, wenn ich effizienter und effektiver arbeitete. Ich möchte mich weniger ablenken lassen und zielgerichteter arbeiten. Ich möchte auch Zeit haben für einen Kaffee mit Kommilitonen und Freunden, fürs Stricken oder einfach mal einen Nachmittag nichts tun.
Die Lücke zwischen dem, was ich mir vorstelle, und dem, wie mein Leben momentan aussieht, ist groß. Ich fühle mich gehetzt, von mir selbst. Weil ich weiß, dass ich es anders, besser machen könnte.

20161108_170854
Lesen beim Warten auf den Zug.

Der vielleicht größte Punkt, der zu meiner momentanen Unzufriedenheit führt: Ich möchte (endlich) (wieder) ausziehen. Meine Eltern möchten meinen Kram, der über das ganz Haus verteilt ist (in meinem Bett schläft momentan Bruder 3, meine Regale stehen im Büro, im Waschkeller und in meinem Zimmer stapeln sich Umzugskartons) und vielleicht auch mich wieder loswerden. Und ich möchte – so gerne ich meine Familie habe und so gerne ich zuhause bin – jetzt auch einfach wieder raus. Mich selbst einrichten, meine Möbel um mich herum haben, nicht mehr ständig meine Sachen in irgendwelchen Kisten suchen. Verantwortung nur für mich selbst tragen, denn das Wohnen zuhause bringt immer gewisse Verpflichtungen gegenüber der Gemeinschaft mit. Das letzte halbe Jahr habe ich oft gekocht, eingekauft, mich um die Wäsche gekümmert. Ich hatte ja Zeit, es hat mir nichts ausgemacht. Jetzt habe ich ein schlechtes Gewissen, weil ich wieder nur noch Mamas gekochtes Essen esse und seit Wochen nicht mehr gebügelt habe. Ich kann nicht einfach mein eigenes Ding machen, das funktioniert nicht, aber ich trage aktuell auch wenig bei.

Jede Minute sinnvoll nutzen: Bloggen im Zug.
Jede Minute sinnvoll nutzen: Bloggen im Zug.

Ich fühle mich oft auf den Schlips getreten, bin frustriert, weil die Wohnungssuche nicht läuft, möchte so gerne ausziehen und fühle mich gleichzeitig undankbar. Weil ich ein Zuhause habe, in dem es immer etwas zu essen für mich gibt, in dem es jetzt, wo es draußen so oft kalt und dunkel ist, warm und gemütlich ist – und ich will trotzdem raus. Verrückt ist das, nicht logisch, und trotzdem doch logisch und wahrscheinlich ganz normal. Dass ich gleichzeitig ausziehen will und mich auf die Adventszeit zuhause freue.

Es ist kompliziert, könnte man es vielleicht treffend zusammenfassen. Es ist eine Momentaufnahme, ein Prozess, eine „Phase“, wie man bei Kleinkindern immer so schön sagt. Alle Phasen gehen auch wieder vorbei. Bis das der Fall ist, werde ich weiter jonglieren. Versuchen, alles unter einen Hut zu bekommen. Im Zug bloggen, am Bahnsteig lesen. Unikram und Wohnungssuche, Familien- und Sozialleben vereinen, jede Minute nutzen. Und versuchen, die Lücke zu schließen zwischen meinen Ansprüchen und der Wirklichkeit.

‚Tantchen‘ BBC

Vor kurzem (na gut, schon Mitte Oktober – ich habe im Moment leider einfach zu wenig Zeit für den Blog) erschien auf dem Online-Auftritt der Süddeutschen Zeitung ein Essay über die BBC. Mein Lieblingssender – ich habe mich ernsthaft mal mit dem Gedanken getragen, meine Bachelorarbeit auf die ein oder andere Art über die BBC zu schreiben. Ich schaue mindestens genauso viel BBC wie deutsches Fernsehen und habe hier auch schon die ein oder andere BBC-Serie verbloggt.

Serien sind auch ein Punkt, der in dem SZ-Artikel angesprochen wird. Ob „Sherlock“ oder „Poldark“, „Call The Midwife“, „Happy Valley“ oder „The Musketeers“ – BBC-Serien garantieren großartige Unterhaltung, herausragend geschrieben, besetzt und gefilmt. Interessant daran ist, dass nur wenige der Serien es ins deutsche Fernsehen schaffen und noch weniger in die Prime Time oder das Hauptprogramm. „Happy Valley“ wurde in den WDR geschoben (allerdings immerhin im Zwei-Kanalton ausgestrahlt), von „The Musketeers“ zeigte ARD lediglich die erste Staffel, „Poldark“ gibt es nur im Pay-TV – „Sherlock“ immerhin darf auch in Deutschland regelmäßig auf dem ersten Programm seine Fälle lösen, allerdings in der Regel erst zu später Stunde. Selbst der Dauerbrenner „Downton Abbey“ (zwar von ITV und nicht BBC produziert) ging mehr unter ferner Liefen denn alles andere spät am Abend auf dem ZDF an den Start und die Staffeln vier bis sechs liefen nur noch im Pay-TV.

Dafür ist unser Fernsehen voller amerikanischer Serien – CSI , Two and a half men, Big Bang Theory usw. (zugegebenermaßen auf den privaten Sendern). In Deutschland produzierte Serien sind entweder Krimis jeglicher Art oder die sogenannten Seifenopern, höchst billig zu produzieren, um von Montag bis Freitag ältere Damen nach dem Mittagsschlaf 45 Minuten lang zu unterhalten. (Stark überspitzt formuliert). Haben die Deutschen und die Briten einfach einen anderen Geschmack? In England wird aufwändig und teuer produziert, die Serien haben oft historischen Inhalt, die Ausstrahlung erfolgt en bloc, wöchentlich, über 8-10 Wochen.

Aber die Serien sind ja nur ein Punkt, der die BBC gegenüber dem deutschen Fernsehen auszeichnet. So produziert sie auch immer wieder wunderbare Natur- und Tier-Dokumentationen. Die laufen dann, zugegebenermaßen, auch nicht grade unbedingt am Samstagabend auf BBC1, aber lohnenswert sind sie allemal. Sir David Attenborough hat sich mit solchen BBC-Dokus einen Namen gemacht. Und es gibt, bei aller Internationalisierung und allem Format-Rundfunk, auch Formate, die es anderswo/in Deutschland nicht gibt. „Have you got news for me?“ ist so eines, bei dem in Teams die Schlagzeilen der Woche thematisiert und oftmals lustig, dabei aber immer niveauvoll, präsentiert werden.

Castingshows sind natürlich auch ein Thema, wobei sie sich nicht auf die „üblichen Talente“ singen und tanzen beschränken. „The Great British Bake Off“ ist ein absoluter Klassiker und verzeichnet in jedem Jahr hohe Einschaltquoten. 12 Hobbybäcker treten 10 Wochen lang gegeneinander an, wobei in jeder Woche drei Kreationen zu einem wöchentlich wechselnden Thema gebacken werden. Bewertet werden die Ergebnisse von den Experten Mary Berry (die ihre landesweite Bekannt- und Beliebtheit mehr oder weniger ausschließlich GBBO verdankt) und Paul Hollywood. Die beiden allein entscheiden auch, wer Woche für Woche das Zelt (gebacken und gefilmt wird in einem großen, pavillon-ähnlichen Zelt mitten auf einer grünen Wiese, was Assoziationen mit den in England so beliebten Backwettbewerben auf Dorffesten weckt) und damit die Show verlassen muss (keine Zuschauerabstimmungen). Vor kurzem wurde bekannt, dass die BBC die Sendung an den privaten Sender Channel 4 verloren hat. Der Aufschrei war groß und die beiden Moderatorinnen sowie Mary Berry erklärten ihren Ausstieg aus der Show. Das Thema war einige Tage lang in den Schlagzeilen – Zeichen für die Beliebtheit der Sendung selbst und auch der BBC im britischen Publikum.

Auch zu Realityshows, deren Pendants bei uns entweder etwas verschrieen sind (I’m A Celebrity) oder nur ein sehr spezielles Publikum anziehen (Let’s Dance), versammelt sich in England die ganze Familie vor dem Fernseher. Und Dschungel-König zu werden, ist nichts, worauf man noch Jahre später peinlich berührt angesprochen wird, sondern was mit Ernsthaftigkeit verfolgt wird und worauf man als Sieger stolz ist. Außerdem sind sie nicht, wie bei uns, auf das Privatfernsehen beschränkt: „Strictly Come Dancing“ läuft gerade zum 14. Mal und mit großem Erfolg auf BBC1.

Natürlich ist auch die BBC vor Fehlern nicht gefeit. Ihr Umgang mit der beliebten Serie „The Musketeers“ hat nicht nur bei mir, sondern auch weiten Teilen der anderen Fans und, wenn auch eher indirekt, auch auf Seiten der Produzenten und Schauspieler Kritik hervorgerufen. Auch den einen oder anderen Skandal gab es natürlich, hier seien exemplarisch nur die Namen Jimmy Savile und Jeremy Clarkson genannt.

Abschließend noch einmal ein Rückbezug zu dem Essay. Die SZ nimmt darin nur das Fernsehen in den Blick. Einen nicht minder wichtigen Beitrag zum Status der BBC als wichtiges Element der (Pop-)Kultur in Großbritannien trägt aber auch der Hörfunk bei. 5 nationale Radiosender sind analog, vier weitere nur digital zu empfangen. Dazu kommen acht national-regionale Sender (BBC Radio Scotland) und 40 lokale Sender (BBC Radio Manchester). Anders als in Deutschland, in denen der regional-lokale Teil des öffentlich-rechtlichen Rundfunks in die Landesrundfunkanstalten (NDR, WDR, etc.) „ausgelagert“ ist (wenn auch zusammengeschlossen in der ARD), fungiert in Großbritannien aller öffentlich-rechtlicher Rundfunk unter dem Dach und dem Namen der BBC. Das schärft das Profil und konzentriert die Aufmerksamkeit. Ob Kulturprogramme im Stile des Deutschlandradios auf Radio 4 oder die örtlichen Wettervorhersagen, Veranstaltungstipps oder Staumeldungen für den Weg zur Arbeit in die Stadt (sehr viel örtlich-begrenzter als auf bspw. WDR 2 oder SWR 1) – für jeden ist da etwas dabei! So kam die BBC zu ihrer wichtigen Rolle, ihrem Status als „Familienmitglied“ in nahezu jedem britischen Haushalt – und ihrem Spitznamen „Tantchen“.

Feet in the clouds – Makkum am Ijsselmeer

Gestern vor einer Woche sind wir aus dem Urlaub zurückgekommen – viel länger fühlt es sich schon wieder an, denn die letzte Woche war voll, mit Unistart und sich-zurechtfinden, Zug- und Busfahrten planen und viel Organisations-Kram. Umso besser und wichtiger, dass es vorher, in der ersten NRW-Herbstferien-Woche, eine Auszeit am Ijsselmeer gab.  „Feet in the clouds – Makkum am Ijsselmeer“ weiterlesen

Semesterbeginn und WG-Wahnsinn

Heute hat an der Uni Münster das neue Semester so richtig angefangen. Seit heute ist Vorlesungszeit. Seit heute bin ich wieder (aktiv) Studentin. Und so habe ich heute mehr Zeit im Bus als an der Uni verbracht. Denn ich habe noch keine Wohnung, kein Zimmer in Münster gefunden und werde nun also, bis sich das ändert, jeden Montag bis Donnerstag nach Münster fahren und wieder zurück. „Semesterbeginn und WG-Wahnsinn“ weiterlesen