Das Coming-Out des Thomas H.

Zwei Ereignisse/Meldungen/Nachrichten haben mich heute berührt und bewegt. Das eine war die Nachricht, dass der ehemalige Fußball-Nationalspieler Thomas Hitzlsperger sich in einem Interview mit der Zeit als schwul geoutet hat.

Zunächst einmal gilt noch immer, was ich im letzten September hier auf meinem alten Blog anlässlich des anonymen Interviews eines schwulen Fußballers über Homosexualität im Fußball und unserer Gesellschaft geschrieben habe.

Ich bewundere Thomas Hitzlsperger für den Mut und die Überwindung, die es ihn gekostet haben muss, und er hat meinen größten Respekt für diesen Schritt an die Öffentlichkeit. Er selbst sagt, er wolle mit seinem Coming-Out etwas in Bewegung bringen, etwas verändern, die Homosexualität im Fußball enttabuisieren. Das ist auf jeden Fall ein hehres Ansinnen. Ob es klappt?

Man muss sich nur einmal auf den sozialen Netzwerken wie Facebook oder Twitter oder auf den Kommentarseiten der Online-Portale von Zeitungen umschauen, um zu sehen, wie viel Homophobie es in unserer Gesellschaft noch immer gibt. So viele Kommentare habe ich heute gelesen, in denen Homosexualität als Sünde, als Krankheit/Behinderung, als eklig, etc. beschimpft und Hitzlsperger verachtet wurde. Toleranz scheint vielen Menschen ein Fremdwort zu sein.

Auf der anderen Seite gibt es diejenigen, die Hitzlsperger dafür kritisieren, diesen Schritt „erst jetzt“, nach seinem Karriereende zu machen. Oder diejenigen, die nun Forderungen stellen an andere schwule, noch aktive Fußballer. Meine Meinung dazu:

Ich finde es traurig, dass unsere Gesellschaft immer noch nicht so weit ist, Homosexualität als genauso normal anzusehen wie Heterosexualität. Dass ein Coming-Out noch immer solch einen (Medien-)Wirbel verursacht.

Ich würde mir wünschen, dass sich jetzt etwas verändert, dass sich etwas bewegt. In der Fußball-Welt, wo Homosexualität noch immer viel mehr ein Tabu-Thema ist als in anderen Gesellschaftsbereichen, aber auch in der gesamten Gesellschaft. Thomas Hitzlsperger ist kein aktiver Fußballer mehr, aber er war Nationalspieler, hat seine Karriere erst vor wenigen Monaten beendet. Natürlich wird er nicht, wie noch aktive Spieler es vermutlich müssten, die Reaktionen der Fans beim Training oder auf dem Spielfeld erleben. Aber er wird auch mitbekommen, welche Reaktionen es gibt. Und er ist eben der bekannteste Fußballer, der diesen Schritt gemacht hat.

Ich wünsche mir, dass schwule Fußballer irgendwann genauso akzeptiert sind wie heterosexuelle Spieler. Dass man irgendwann nicht mehr durch ein Interview oder ein Statement erfährt, dass jemand schwul ist, sondern dass es so normal ist, dass man ihn mit seinem Freund durch die Straßen laufen sieht.

Bis dahin ist es sicherlich noch ein verdammt langer Weg. Aber ich erlaube mir zu hoffen, dass das irgendwann eintreten wird – und vielleicht trägt Hitzlspergers Coming-Out ja ein klein wenig dazu bei.

Ach ja: Hier der Artikel, wie er seit heute auf Zeit online zu lesen ist. In der Print-Ausgabe, die morgen (Donnerstag) erscheint, gibt es dann das vollständige Interview.

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2 Kommentare zu „Das Coming-Out des Thomas H.

  1. Schöne Wünsche alleine bringen nichts, schöner wäre es also in der Tat, wenn weitere Promis ihre Identität nicht versteckten, sondern offen zu ihrem Ich stünden. Gerade aktive FußballerInnen wären eine große Hilfe als Vorbild (Rollenmodell etc.) für jugendliche Lesben und Schwule. Sich zu Wünschen, dass weitere Fußballer dem Beispiel von Thomas Hitzlsperger folgen, am besten in der aktiven Laufbahn, ist also keinesfalls „total daneben“.

    1. Ich sage auch nicht, dass es daneben ist, sich das zu wünschen – das tue ich auch. Tut mir Leid, wenn da was falsch rübergekommen ist. Was ich daneben finde, ist diese Erwartungshaltung, die ich heute in vielen Kommentaren rausgelesen habe nach dem Motto: „So, der hat vorgelegt, jetzt tut ihr es ihm bitte schön mal nach.“ Sich etwas wünschen ist das Eine, es zu fordern das Andere – und letzteres steht niemandem zu, das ist immer noch Privatsache.

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