„Homosexualität auf dem Lehrplan“? Ja bitte.

Ich bin ja nicht so der riesige Talkshow-Gucker, aber nachdem gestern mehrere Leute auf Twitter posteten, sie würden jetzt „Menschen bei Maischberger“ schauen, habe ich doch mal eingeschaltet. Den Anfang der Sendung habe ich also verpasst – was aber nicht allzu schlimm war, ich habe mich schon die restliche Zeit über schrecklich aufgeregt.

Es ging um den baden-württembergischen Bildungplan, der fächerübergreifend „Akzeptanz sexueller Vielfalt“ vermitteln will, sowie die Online-Petition dagegen, die bereits von fast 200 000 Menschen aus ganz Deutschland unterzeichnet wurde. Der Ersteller und die Unterzeichner der Petition wittern hinter den Leitprinzipien und dem Aktionsplan eine „pädagogische, moralische und ideologische Umerziehung an den allgemeinbildenden Schulen“ und sind dagegen, dass „Lehrkräfte die nächste Generation mit dem Anspruch, sämtliche LSBTTIQ-Lebensstile seien ohne ethische Beurteilung gleich erstrebenswert und der Ehe zwischen Mann und Frau gleichzustellen, an eine neue Sexualethik heranführen. Aus der gleichen Würde jedes Menschen folgt noch nicht, dass jedes Verhalten als gleich gut und sinnvoll anzusehen ist“ (Ehrlich, mir wird ja schon fast schlecht, wenn ich das lese).

Die gestrige Sendung hatte bereits im Vorfeld aufgrund ihres Titels („Homosexualität auf dem Lehrplan – droht die ‚moralische Umerziehung‘?“ – wobei der letzte Teil ein Zitat aus der Petition ist) und der eingeladenen Gäste viel Kritik geerntet.
Nachdem ich mehr einen Großteil der Sendung gesehen habe, kann ich sagen, dass diese Kritik unberechtigt war. Sandra Maischberger hatte meiner Meinung nach die Diskussion gut im Griff und ließ auch ihre eigene Meinung und Position zu dem Thema durchschimmern, auch wenn sie sich offen natürlich nur neutral äußerte. Was mich wirklich aufgeregt hat, war zu sehen, was für z.T. mittelalterliche oder auch einfach nur lächerliche Meinungen es in Deutschland zum Thema Homosexualität noch gibt.

Die Journalistin Birgit Kelle, eine Unterzeichnerin der Petition, erklärte, der Bildungsplan und diese Leitlinien seien doch gar nicht notwendig – es gäbe ja auch jetzt kein Verbot, darüber zu sprechen. Dass das aber noch lange nicht bedeutet, dass Homosexualität, Transsexualität, Intersexualität etc. im Unterricht auch tatsächlich eine Rolle spielen, das vergaß sie zu erwähnen. Denn das ist noch lange nicht der Fall: Sexualunterricht hatte ich in meinen 13 Jahren Schule gar keinen – das Wort Homosexualität ist erst Recht nie gefallen.

Dann argumentierte Kelle mit dem Erziehungsrecht der Eltern, dass ihnen der Staat bzw. in diesem Fall das Land Baden-Württemberg aberkenne. Sie wolle doch bitte selbst bestimmen, wann und wie ihre vier Kinder mit diesem Thema in Berührung kommen. Mag sein, dass sie tatsächlich auch mit ihren Kindern darüber sprechen würde – aber das gilt doch noch lange nicht für alle Eltern. Zumal die Tatsache, dass LSBTTI-Menschen und deren Lebensstil Unterrichtsthema sein sollen, doch nicht heißt, dass sie deswegen nicht mit ihren Kindern darüber reden kann? Oder reden sie auch nicht über’s Rechnen, Schreiben, Lesen oder den 2. Weltkrieg?

Dann folgte der große Themenblock der Sexualisierung. Sie wolle nicht, dass Sexualisierung in der Schule eine so große Rolle spiele, habe Angst, dass die Kinder nicht altersgerecht an das Thema herangeführt würden. Als Beispiel brachte sie die Erzählung einer anderen Mutter an, deren Kind in der 4. Klasse von der Lehrerin erzählt bekommen habe, wie Lesben sich gegenseitig befriedigen. Nun, dass es schlechte und unpädagogische Lehrer gibt, steht ja wohl außer Frage, aber das ist auch ohne diesen Bildungsplan der Fall. Und in den Leitprinzipien, die ich mir heute tatsächlich durchgelesen habe, steht kein Wort geschrieben von Sexualpraktiken. Da würden sich wohl auch die meisten Lehrer beschweren. Stattdessen steht dort, dass Schüler einen „vorurteilsfreien Umgang mit der eigenen und anderen sexuellen Identitäten“ erlernen sollen, sie sollen verschiedenen Lebens- und auch Familienformen kennenlernen und die Darstellung von Geschlechterrollen, sexueller Vielfalt und Stereotypen reflektieren können.

Wo ist denn da das Problem der altersgerechten Vermittlung, bitteschön? Ist es nicht viel einfacher, einem Grundschul- oder sogar Kindergartenkind zu erklären, dass es Männer gibt, die Frauen lieben und vice versa, aber eben auch Frauen, die Frauen lieben und Männer, die Männer lieben oder vielleicht gerne Frauenkleider anziehen. Kleine Kinder, die noch keine Vorstellungen im Kopf haben, was angeblich „richtig“ und was „falsch“ ist, Jungs, die vielleicht auch verkünden, ihren besten Freund heiraten zu wollen, oder die es lustig finden, die Kleidung ihrer Schwester anzuziehen. Das ist doch eigentlich genau das richtige Alter – denn wenn in der Pubertät erst einmal diese gesellschaftlichen Normen in den Köpfen verankert sind und „schwul“ ein so gebräuchliches Schimpfwort wie „Arschloch“ geworden ist, dann ist es doch viel schwerer, Toleranz zu erwecken.

A propos Toleranz: Birgit Kelle erörterte auch den Unterschied zwischen Toleranz und Akzeptanz, tolerant sei sie ja gegenüber Homosexuellen, aber diese zu akzeptieren, das könne sie nicht und das könne man auch von keinem verlangen. Semantische Feinheiten, die keinen interessierten und eine Argumentation, die im Sande verlief.

Dann war da noch der Herr Steeb, Vater von 10 Kindern und Generalsekretär der „Deutschen Evangelischen Allianz“. Sein Idealbild sei die lebenslange Ehe von Mann und Frau, die außerdem auch Kinder hervorbringe, denn das bräuchten wir in Deutschland ja auch dringend, das würde uns weiterbringen. Nun, dass rein biologisch zwei Männer kein Kind zusammen bekommen können, ist ja nun keine Frage, aber wie viele heterosexuelle Ehen halten denn noch „ein ganzes Leben lang“?

Regenbogenfamilien oder auch das Adoptionsrecht für Homosexuelle, nein, das könnte er nicht unterstützen und Frau Kelle pflichtete ihm bei: Das könne sie nicht akzeptieren, denn da ginge es ja nicht um’s Kindeswohl, das haben sich die Kinder ja nicht ausgesucht. Dann sagen Sie mir doch mal, Frau Kelle, wie viele Kinder heterosexueller Paare sich ihre Eltern aussuchen können?

Olivia Jones, ebenfalls Gast in der Talkrunde, fügte an dieser Stelle ein: Es sei doch wichtiger, dass ein Kind Eltern hat, die es lieben, als dass die Eltern unbedingt Mann und Frau sind. Sie sprach damit aus, was genau ich dachte, und das insgesamt im Verlaufe der Sendung nicht nur einmal. Auch wenn mir ihre Art zu wuchtig war, mich z.T. störte, dass sie die anderen Redner immer wieder unterbrach und ihre Formulierungen z.T. ungeschickt bzw. ihre Beispiele für zu weit hergeholt hielt: Im Grunde hatte sie mit vielem, was sie sagte, sehr, sehr Recht.

Als sehr viel angenehmeren Teilnehmer empfand ich Jens Spahn, Mitglied der CDU und schwul, der immer wieder versuchte, die Diskussion auf eine sachliche Ebene zu bringen und damit seine „Gegenspieler“ Steeb und Kelle desöfteren in Bedrängnis brachte. Auf seine an Steeb gerichtete Frage, wie dessen Aussage, er sei froh, dass keines seiner Kinder schwul sei, zu verstehen sei und ob er nicht verstehen könne, dass er damit vielen schwulen Jugendlichen und Menschen wehtue, wusste der keine richtige Antwort, redete um den heißen Brei und ließ sich kein wirkliches Statement entlocken.

Stattdessen meinte er im weiteren Verlauf der Sendung, warum er Homosexualität nicht tolerieren/akzeptieren könne, dies sei einfach nicht natürlich. Und führte dann eine Studie an, der zufolge homosexuelle Menschen eine höhere Suizidrate und eine höhere Anfälligkeit für psychische Erkrankungen hätten. Spahns Einwand, dies läge ja wohl kaum an der Homosexualität, sondern viel mehr an der gesellschaftlichen Reaktion darauf, ließ er nicht gelten und beharrte fest auf seiner Meinung.

Überhaupt kam man, wie Sandra Maischberger ebenfalls mehrfach betonte, nicht zu einem Konsens. Aber genau deswegen war diese Diskussion meiner Meinung nach enorm wichtig, um aufzuzeigen, welche Meinungen und Positionen es in dieser Gesellschaft immer noch gibt – im Jahre 2014 – und weswegen ich sehr auf eine Umsetzung dieses Bildungsplans hoffe.

Ach ja… Dann war da ja auch noch Autorin Hera Lind zu Gast, die alles immer ganz „wunderbar“ fand, sie habe ja auch schwule AuPairs gehabt, denen man das gar nicht angemerkt hätte, und überhaupt sei sie sehr optimistisch, dass das Thema in ein paar Jahren erledigt sei, so wäre es mit dem Feminismus ja auch gewesen (wo war sie denn dann bitteschön während der #aufschrei-Debatte?) – und damit insgesamt herzlich wenig zur Diskussion beitrug.

Der einzige Kritikpunkt zu dem baden-württembergischen Bildungsplan, dem ich mich anschließen könnte und der auch vielfach aus verschiedenen Ecken laut wird, ist der, dass LSBTTI-Menschen nicht die einzige Gruppe sei, die in unserer Gesellschaft diskriminiert wird. Dicke, kranke, behinderte Menschen ginge es doch genauso. Das stimmt und ich wäre die Letzte, die das bestreiten würde. Diese Regierung hat sich nunmal jetzt das Thema der Homosexualität auf die Fahnen geschrieben, aber das muss ja nicht ausschließen, dass im Zuge einer größeren Toleranz, die dann hoffentlich im Unterricht gelehrt wird, die Toleranz allen „anderen“ Menschen gegenüber wächst: Den Schwulen, den Lesben, den Transsexuellen, den Dicken, den Dünnen, den Behinderten.

Das würde ich mir jedenfalls wünschen. Nach der gestrigen Sendung befürchte ich allerdings, dass es bis dahin leider noch ein längerer Weg sein dürfte.

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