Gelesen

Eigentlich wollte ich neulich nur ein wenig durch die Stadt schlendern, während ich auf das Ende vom Saxophon-Unterricht des kleinsten Bruders wartete. Und dann entdeckte ich die Biografie über Sebastian Deisler, als „preisreduziertes Mängelexemplar“ für günstiges Geld, und konnte nicht daran vorbeigehen. Ich lese ab und an ganz gerne Biografien und am Fußball interessiert mich viel mehr als nur der reine Sport und die Ergebnisse. Und so hab ich dann auch gleich am Nachmittag angefangen zu lesen.

Kurz als Hintergrundinfo: Sebastian Deisler war Fußballer und Nationalspieler. Mit 15 ging er aus seiner Heimatstadt Lörrach nach Mönchengladbach in’s Internat, wurde dort Profi. Mit 19 wechselte er zu Hertha BSC Berlin und wurde Nationalspieler, 2002 wechselte er zum FC Bayern München. Im Herbst 2003 lässt sich Deisler das erste Mal wegen Depressionen in einer Klinik behandeln, 2007, nach unzähligen Knieoperationen und vielen Verletzungen, 2 verpassten Weltmeisterschaften und einer verpassten Europameisterschaft und Rückfällen in die Depression, beendet er mit 27 Jahren seine Karriere als Fußballer.

Das Buch liest sich zunächst einmal sehr gut, sehr flüssig. Dass ich knapp 10 Tage dafür gebraucht habe, lag eher daran, dass ich es nicht abends im Bett lesen konnte, weil es mir dafür zu aufwühlend war, weil es mich aufgeregt und mich wütend und traurig zugleich gemacht hat. Manches Mal habe ich wohl während des Lesens den Kopf geschüttelt, fassungs- und verständnislos über das Verhalten und Vorgehen vieler Menschen, die an Sebastian Deislers Leben und Karriere in irgendeiner Form beteiligt waren, und der Medien. Allen voran der Medien:

Und auch die Medien der Hauptstadt frohlocken. Sie glauben, Deisler für ihre Zwecke vereinnahmen zu können. Für die Boulevardpresse ist er so etwas wie ein Popidol. Beinahe ein Dutzend Tageszeitungen, an die 20 Radiostationen und eine Handvoll Fernsehsender wetteifern um exklusive Storys von einem, der noch gar nicht richtig da ist.

(Rosentritt: Sebastian Deisler. Zurück ins Leben. S. 82)

Allen voran der Medien: Ich habe immer wieder innegehalten, überlegt, ob nicht auch der ein oder andere, junge Spieler heute einen ähnlichen Druck seitens der Medien und der Gesellschaft ertragen muss, wie Deisler ihn spürte, wie er eindrucksvoll immer wieder im Buch geschildert wird. Und immer wieder kam ich zu dem Schluss: Nein. So sehr ein Götze oder ein Draxler auch hochgelobt werden, nie wurden sie als „Retter einer Fußballnation“ angesehen. Zumal bei Götze, soweit ich weiß, auch der BVB einschritt und den Daumen draufhielt auf Interviews und öffentliche/mediale Auftritte.

Von nun an ist er nur noch „der Beckham von der Spree“, der „Basti Fantasti“ oder „Beckstreet Basti“. Die Boulevardpresse kennt im Sport nur Helden oder Versager, wahlweise auch Trottel, Weicheier und Würste. Insbesondere für die drei Boulevardzeitungen der Hauptstatd ist Deisler von nun an ein Held, er wird zum großen Versprechen auf eine glorreiche Fußballzukunft getrimmt.

(Rosentritt: Sebastian Deisler. Zurück ins Leben. S. 87)

Ich habe Deisler nie Fußball spielen sehen, jedenfalls nicht, dass ich mich dran erinnern könnte. Sein Rücktritt war 2007, damals habe ich höchstens Nationalspiele zu WM-Zeiten geguckt und die hat Deisler ja leider immer verpasst. Aber Michael Rosentritt, der Autor, schafft es, Deislers Talent und Fähigkeiten mit dem Ball so zu beschreiben, dass man sie quasi vor seinem inneren Auge sieht.

Demgegenüber gestellt wird dann immer wieder das, was von außen auf Deisler einprasselte: Druck von Beratern, von Vereinen, von Hoeneß, dem einen (Dieter Hoeneß bei Hertha) und Hoeneß, dem anderen (Uli Hoeneß bei Bayern), von verschiedenen Bundestrainern und: Von den Medien! Und auch, wenn ich weiß bzw. gerade studiere, dass Medien genauso funktionieren, macht mich das sprachlos. Immer wieder.

Dieses Buch lässt mich auf der einen Seite froh zurück, denn es endet froh. Irgendwann 2009, wo es Deisler besser geht, wo er wieder Halt und Orientierung in seinem „neuen“ Leben hat, in der Gegenwart angekommen ist. Auf der anderen Seite lässt es mich verständnislos und wütend zurück und mit dem Wunsch, irgendetwas zu tun, damit es nicht noch jemandem so ergehen muss. So wie Deisler und, all der schönen Worte nach Bekanntgabe von Deislers Depression, später auch Robert Enke.

Die Medien können erdrückend sein und übermächtig. Sicher waren sie nicht allein ausschlaggebend, aber für einen Menschen Anfang 20, der nichts anderes wollte, als Fußball zu spielen und dabei Spaß zu haben, war der medial aufgebaute Druck einfach zu hoch. Das wird deutlich in diesem Buch, das einen berührt und ergreift und nicht mehr loslässt. Mich jedenfalls.Eindrückliche Leseempfehlung an jeden, der sich für das Geschäft Fußball hinter dem eigentlichen Sport interessiert.

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