And 12 points go to….

(Scroll down for the English version)

Gestern Abend konnte man diesen Satz wieder hören. Ja, ich habe den Eurovision Song Contest geguckt. Und dabei fleißig am „second screen“ darüber getwittert, was den Abend nur noch umso amüsanter gemacht hat.

12 Punkte wurden gestern am häufigsten an Österreich vergeben, sodass die Drag-Queen Conchita Wurst mit ihrem Song „Rise Like A Phoenix“ die Siegerin des 59. ESC wurde. Sicherlich nicht völlig unverdient. Aber es ist ja bekannt, dass es beim ESC immer eher in 2. Linie wirklich um den Song und die Performance geht. Die Punkteschieberei zwischen Nachbar- und befreundeten Staaten ist ja hinlänglich bekannt, sodass nicht selten die Politik entscheidender ist als die Musik.

Für mich ist auch dies ein politischer bzw. viel eher vielleicht ein gesellschaftlicher Sieg. Der Song war nicht schlecht, aber er allein hatte meiner Meinung nach nicht das Zeug für den 1. Platz. Der Sieg von Conchita Wurst (alias Tom Neuwirth) wird heute als „Sieg der Toleranz“ (FAZ) gefeiert. Er zeige, wie tolerant Europa sei, wie viel sich in den letzten Jahren in Europa geändert habe, dass man nun so weit sei, dass ein Travestiekünstler den ESC gewinnen kann. Und genau das ist der Punkt.

Ich glaube nicht, dass man an diesem Ergebnis ablesen kann, wie tolerant Europa ist. Im Gegenteil: Ich meine, es beweist viel mehr, wie intolerant Europa noch immer ist.
Das will ich gerne genauer erklären: Ich glaube, dass alle die Länder, die 8, 10 oder 12 Punkte an Österreich vergeben haben, das dringende Bedürfnis hatten öffentlich zu präsentieren, ach wie tolerant sie doch sind. Weil sie nämlich genau wissen, dass die Wirklichkeit ganz anders aussieht. Wenn Europa, wenn all diese Länder wirklich so tolerant wären, dann hätten sie das nicht durch die Punktvergabe so öffentlich darstellen müssen, dann wäre das nämlich sowieso allen klar.

Wer diesen Blog verfolgt oder wer mich kennt, der weiß, dass ich absolut kein Problem mit Homosexualität, mit Transsexualität oder was auch immer habe. Im Gegenteil, mir ist das völlig egal, wie die Leute aussehen oder wen sie lieben, sie sind deswegen nicht besser und nicht schlechter als andere und haben weder das Recht, besser/besonders behandelt zu werden, noch darf man sie deswegen diskriminieren. Und genau das ist für mich Toleranz: Alle sind gleich und alle werden gleich behandelt, völlig unabhängig von der sexuellen Ausrichtung. Und wenn das auch wirklich so beim ESC praktiziert worden wäre, dann hätte man nicht seine angebliche Toleranz durch Punkte für Conchita Wurst zur Schau stellen müssen, sondern hätte den Song und den Auftritt bewerten können. Dies ist in meinen Augen nicht passiert und das finde ich schade. Noch viel mehr schade finde ich nun, dass eben die Medien das jetzt als Toleranz auslegen, anstatt mal zu hinterfragen, welche Gründe denn tatsächlich dahinterstecken (könnten). Toleranz heißt nicht, all diejenigen, die von der Norm abweichen, besonders freundlich zu behandeln, sondern einfach genau so wie alle anderen auch!

Nun denn… Es gab sicherlich deutlich schlechtere Songs, aber es gab auch bessere. Alles in allem war es ein sehr unterhaltsamer Abend – erst Recht, nachdem ich von der ARD zu BBC 1 gewechselt bin und so in den Genuss der sehr amüsanten Kommentare von Graham Norton gekommen bin.

Peinliche Momente gab es eigentlich erstaunlich wenige: Der erste war der Auftritt von Polen: Kein Gesang, sondern eher Gekreische, dazu Damen, die ihre gut ausgestattete Oberweite schamlos in die Kamera halten. Noch viel peinlicher wurde es dann, als Deutschland, in Person von Helene Fischer, ganze 10 Punkte an Polen vergeben hat. Da hab ich mich doch tatsächlich für „mein“ Land geschämt.

Meine, rein auf musikalischer Bewertung basierenden, Favoriten waren die Niederlanden. Auf dem 2. Platz habe ich die UK gesehen, die letztlich 17. wurden und damit einen Platz vor Deutschland lagen. Schade, ich fand das britische Lied nicht schlecht – und allemal deutlich besser als die Beiträge von Bonnie Tyler im letzten Jahr (19. Platz) oder Engelbert Humperdinck (25. Platz) in 2012. Den dritten Platz hätte bei mir Ungarn belegt, die letztlich auf dem 5. Platz landeten.

Hier meine Bewertung:

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„12 points go to…“ Last night you could once again hear this sentence being said quite often. Yes, I did watch the Eurovision Song contest and I was tweeting away while watching it which only made the evening so much more amusing.

12 points most often were given to Austria, so that the drag-queen Conchita Wurst with her song „Rise Like A Phoenix“ eventually won the 59th ESC. Surely this wasn’t totally unjustified. It is a well-known fact that neighbouring and befriended countries usually give points to each other and that the music is often less important than the politics.

For me, this is also a political or rather a societal win. The song was not bad but I didn’t think he had what it takes to win. The win of Conchita Wurst (alias Tom Neuwirth) is today celebrated as „a win of tolerance“ (a German newspaper). It is said that it shows how much more tolerant Europe has become, how much has changed in Europe in the last few years so that it is now possible for a drag artist to win the ESC. And that is exactly the point.

I don’t think that this result shows how tolerant Europe is. On the contrary: I think it is proof of how intolerant Europe still is.

I’d like to explain this in a bit more detail: I believe that most of those countries who gave 8, 10 or 12 points to Austria, had the urgent need to publicly demonstrate how tolerant they are. Because they do know very well that reality looks totally different. If Europe, if all those countries were really so very tolerant, they wouldn’t have needed to openly show this when giving their points because everybody would know anway.

Don’t get me wrong: Those who follow my blog or who know me do know that I’ve got no problem with homosexuality, transsexuality or whatever. On the contrary, I really don’t mind what people look like or who they love. That does not make them better or worse than others and neither do they have the right to be treated better/special nor do others have the right to discriminate them because of whom they love. That is what tolerance means to me: Everyone is equal and everyone gets treated equally, no matter what their sexual preferences. And if that had been exercised at the ESC yesterday, then no one would have had the need to demonstrate his tolerance by giving points to Conchita Wurst, but in fact everyone could have based his rating on the song and the performance. In my eyes, this did not happen and I think it is a pity. And it is even more of a pity that the media now talk about tolerance instead of questioning the real motives behind all that. Tolerance does not mean to be extra polite to those people who deviate from the norm or the majority. It only means to treat them the same as everybody else.

Well… There were surely worse songs but there were also better ones. All in all it was a very entertaining evening – even more after I had switched from ARD (the German channel) to BBC 1 and was treated to the very amusing comments of Graham Norton.

There were actually only very few embarrassing moments: One of them was the performance of Poland. No singing but rather unmelodic screaming and women who were unashamedly presenting their bust size to the camera. Even more embarrassing was the moment when Germany, represented by Helene Fischer, gave 10 points to Poland. I was actually ashamed of „my“ country.

My favourites, based solely on the music, were the Netherlands. I really would have liked them to win but they only got in second. On my second place there was the UK which eventually made the 17th place (and therefore was one place ahead of Germany). Pity, because I thought the British song was quite good – and much better than the awful performances of the last two years by Bonnie Tyler (19th) and Engelbert Humperdinck (25th). My third place would have gone to Hungary who made it tot he fifth place. The real third place was reached by Sweden, with Sanna Nielsson looking like a clone of Helene Fischer.

Here are my ratings:

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