Wer Mats Hummels verstehen will – nicht die ZEIT lesen

Habe ich einen Lieblings-Fußballspieler? Mats Hummels vielleicht. Der ist nicht nur ganz nett anszuschauen (ich bin ja schließlich auch nur ne Frau), er ist ein hochklassiger Fußballer (ja, das kann ich auch als Frau erkennen) und er kann reden. Keiner dieser Spieler, wo man am liebsten den Fernseher ausschalten würde, wenn sie zum Interview kommen, weil man weiß, dass doch nur Gestammel und Platitüden kommen, sondern wo man gespannt den Ton lauter dreht, weil Mats Hummels einer ist, der weiß, was er sagen will und wie er es sagen will. Nicht umsonst wird er zuweilen sogar als eloquent bezeichnet.

Ja, wenn man so will, dann kann man wohl sagen, dass Mats Hummels einer meiner Lieblings-Fußballer ist. Neben vielen anderen ;-)

Liebe ZEIT, liebe Cathrin Gilbert: Mit eurem Artikel über Mats Hummels habt ihr es geschafft, mich heute schon am frühen Morgen auf die Palme zu bringen.
Den Artikel habe ich über einen Tweet gefunden, der mit der Empfehlung daherkam: „Wer Mats Hummels verstehen möchte, sollte diesen Text lesen.“ Ich habe ihn gelesen und mich beschlich immer mehr das Gefühl, dass die Autorin selbst Hummels nicht sonderlich zugeneigt ist. Der Artikel wirkt ein wenig „von oben herab“, ein wenig besserwisserisch, ein wenig herablassend bis gönnerhaft. Vielleicht nur mein Eindruck, aber ich möchte doch einmal verdeutlichen, woher dieser Eindruck bei mir rührt.

Vorweggenommen einmal, dass sich mir nicht erschließt, ob die Autorin Mats Hummels getroffen hat oder ob die Zitate von ihm von anderen Gelegenheiten stammen. Das ist ja auch nebensächlich, aber was damit zusammenhängt: Es gibt einige Sätze in diesem Text, bei denen ich als Leser nicht weiß: Ist das eine Aussage, die Hummels selbst gemacht hat? Oder ist das eine Vermutung der Autorin, die sie ihm einfach mal in den Mund bzw. die Gedanken legt?

Getroffen hat sie sich jedenfalls mit Hermann Hummels, dem Vater von Mats, der ihn in jungen Jahren auch trainiert hat. Er sei als Kind auch manchmal angeeckt, sagt er über seinen Sohn, und Mats wird zitiert mit den Worten, wenn er wegen Meckerns eine gelbe Karte bekommen habe, habe sein Vater ihn sofort ausgewechselt. Die Autorin kommt zu dem Schluss, Hummels habe lernen sollen sich unterzuordnen, es falle ihm jedoch bis heute schwer, eine Entscheidung ohne nachvollziehbaren Grund zu akzeptieren.

Ja, ist das denn nicht normal? Geht es nicht jedem selbstständig denkenden Individuum so? Mir jedenfalls schon. Aber dieser Satz an dieser Stelle in diesem Artikel klingt für mich unglaublich negativ, als wäre das völlig ungewöhnlich und eine schlechte Eigenschaft.

Natürlich geht die Autorin auf die unterschiedlichen Spielweisen, die unterschiedlichen Anforderungen und Erwartungen an Hummels bei Borussia Dortmund und der Nationalmannschaft ein. Ein Thema, das eigentlich doch längst gegessen sein sollte: Ja, beim BVB darf und soll er lange Bälle spielen, offensiv verteidigen, bei der Nationalmannschaft nicht, und ja, natürlich musste er sich da erst umstellen, sich dran gewöhnen, neue Automatismen erlernen. Normal und längst nichts Neues mehr.

Und dann kommen so Sätze, die lassen mich sehr daran zweifeln, dass diese Autorin so neutral in ihrer Einstellung Hummels gegenüber ist, wie sie es als Journalistin sein sollte. Wie gesagt, vllt. wirkt das nur auf mich so. Sätze wie „Hummels ist auch ein stolzer Mensch. Die mediale Kritik an seinem Auftritt während der EM kann er immer noch nicht nachvollziehen.“ – Die war ja auch überzogen.
„Doch er erkannte, dass Klugheit manchmal auch gebietet, die Bedingungen so anzunehmen, wie sie sind.“ – Da klingt in meinen Ohren ein unangemessen erstaunter Nebenklang mit. Und ja, das wirkt auf mich gönnerhaft.

Und dann der größte, mit Verlaub, Schwachsinn, den ich in diesem Text gelesen habe: „Hummels ist im deutschen Fußball, was Max Herre im deutschen Hip-Hop ist: Man spürt bei ihm immer die Anstrengung, sich absetzen zu wollen von seinem Milieu. Zu zeigen, dass er klüger ist. Manchmal wirkt das erfrischend. Manchmal aber auch leicht blasiert.“

Meiner bescheidenen Meinung nach zeigt dieser Satz, dass die Autorin selbst Hummels nicht versteht. Er versucht sich nicht angestrengt abzusetzen, von seinem „Milieu“, von seinen Kollegen, von dem, was man sich gemeinhin unter einem Fußballer vorstellt. Er ist einfach so. Er stellt seine Klugheit nicht krampfhaft zur Schau, aber er hält damit auch nicht hinter’m Berg, damit, dass er eine eigene Meinung, dass er gut reden kann. Wenn er sich dadurch von anderen absetzt, dann nicht, weil er genau das beabsichtigt, sondern weil er vielleicht einfach anders ist. Er ist einfach nur er selbst.

Das ist wohl die Stelle, die mich am meisten geärgert hat in diesem Artikel.
Über andere Kleinigkeiten, die vor allem Unkenntnis der Autorin aufzeigen, aber auch vielleicht einen gewissen Unwillen, sich näher damit zu beschäftigen, und die gleichzeitig auch den Eindruck erwecken, dass sie Hummels eher durch eine negative als eine neutrale Brille sieht: Über solche Kleinigkeiten kann, muss man dann fast schon hinwegsehen. Kleinigkeiten wie dieser Satz hier:

„Dass er sich von den anderen unterscheidet, merkt man an Kleinigkeiten, zum Beispiel daran, dass er trotz seiner bayerischen Herkunft akzentfrei spricht.“ – Mats Hummels hat keine „bayrische Herkunft“, jedenfalls nicht so, wie ich Herkunft interpretiere, nicht so, dass man einen bayrischen Akzent erwarten würde: Er ist in Bergisch Gladbach geboren (nein, das liegt nicht in Bayern), ist erst im Alter von etwa 7 Jahren nach Bayern gezogen, sein Vater stammt gebürtig aus Hamm (dürfte also auch keinen bayrischen Akzent haben), Mats‘ Bruder Jonas hat auch keinen. Also wieso sollte Mats einen haben? Er spricht akzentfrei, ja, aber nicht um sich von anderen abzusetzen, sondern weil er einfach keinen Akzent hat!

„Wenn etwas schiefging, begann er wieder nachzudenken und zu zweifeln, damals drohte Hummels’ Karriere zu kippen. Auch im Verein verlor er an Konstanz“ – mit „damals“ ist nach der EM 2012 gemeint. Wenn eins sicher ist, dann ja wohl, dass seine Karriere zu dem Zeitpunkt längst nicht mehr zu kippen drohte. Er hatte auch beim BVB eine schlechtere Phase, aber er war gesetzt. Wenn man als Innenverteidiger Stammspieler beim BVB ist, droht dann eine Karriere zu kippen? Ich glaube nein.

Wer Mats Hummels verstehen will, sollte den Artikel der ZEIT vielleicht lieber nicht lesen. Oder er könnte dem Glauben anheimfallen, Hummels sei ein aufmüpfiger, blasierter Mensch, der angestrengt versucht, sich klüger und überhaupt anders als alle anderen Fußballer darzustellen.

Genug. Wer sich einen eigenen Eindruck verschaffen möchte, kann sich hier den Artikel einmal durchlesen. Ich wäre auch durchaus auf Meinungen gespannt: Sehe ich den Artikel vllt. auch zu stark durch die Hummels-Fanbrille oder ist er wirklich nicht journalistisch neutral? Bin ich überempfindlich oder könnt ihr meine Eindrücke bestätigen?

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