WM – vorbei!

So. Jetzt sind sie also doch noch Weltmeister geworden, die Deutschen. Ich gebe zu, ich habe nicht daran geglaubt: Weder vor der WM, noch während der WM, erst Recht nicht nach dem Algerien-Spiel und selbst nach dem 7:1 im Halbfinale gegen Brasilien nicht. Gestern hat das Team eindeutig die beste Leistung im ganzen Turnier gezeigt – ein bisschen schade, dass sie sich das für so spät aufgehoben haben, attraktiver Fußball kann eben doch auch erfolgreicher Fußball sein.

Noch gestern Abend habe ich auf Twitter einen Kommentar gelesen, nach dem Motto, ’nicht schon wieder mit dem Jogi-Bashing loslegen‘. Wieso loslegen, habe ich mich da gefragt. Ich persönlich habe damit gar nicht aufgehört – wobei ich das, was ich an Kritik geäußert habe, nicht als Bashing bezeichnen würde. Aber Fakt ist doch, und das habe ich auch schon einmal geschrieben: Nur, weil Löw die Mannschaft jetzt zum WM-Titel geführt hat, ändere ich doch nicht schlagartig meine Meinung und finde ihn und die Mannschaft und überhaupt alles (wieder) super toll, wenn ich nur wenige Tage vorher noch Kritik geübt habe.

Und die „nicht so guten“ bis z.T. wirklich schlechten Spiele in der Vorrunde (Ghana) bzw. gegen Algerien vergesse ich auch nicht einfach so. Ja, letztlich ist man trotzdem der Sieger. Aber ich mag es nicht, wenn die Freude über den Triumph jetzt alles andere mit „Friede, Freude, Eierkuchen“ übertüncht. Seine Taktik-Ideen, die ich schwachsinnig fand und noch immer finde, wie die IV-Abwehrkette bspw., lösche ich auch nicht einfach aus meinem Gedächtnis. Er hat sicherlich gestern vieles richtig gemacht, wobei die frühe Einwechslung von Schürrle so wohl nicht geplant war. Aber er hat auch gestern wieder Dinge getan, die ich nicht nachvollziehen konnte. Großes Kopfschütteln, warum er Mertesacker für Özil bringt (der gestern im Übrigen ebenfalls seine beste Turnier-Leistung gezeigt hat), wo Hummels schon ab der 80. Minute stehen k.o. war.

Ich würde es noch immer begrüßen, wenn Löw jetzt seinen Hut nähme. Mehr kann er mit dieser Mannschaft jetzt sowieso nicht mehr erreichen. Ein bisschen frischer Wind im Team und im DFB kann sicherlich nicht schaden.

Ich bin ja kein Unmensch. Natürlich freue ich mich für die Mannschaft, gönne ich ihnen den Titel. (Besonders (auch wenn ich dafür vermutlich gesteinigt werde) freut es mich für die „Dortmunder Jungs“, Weidenfeller, Großkreutz, Durm und natürlich Hummels, der (gewohnt) absolut fantastisch gespielt hat.) Das waren schöne Bilder gestern nach dem Abpfiff, teilweise fast ein wenig berührend. Und einige Momente, wo mein normalerweise gut verstecktes inneres „Fangirl“ fast ein wenig Schnappatmung bekommen hätte. Schweinsteiger und Podolski. Hummels und Höwedes. Neuer und Großkreutz (!!!). Schweinsteiger und Podolski junior. Podolski und sein Sohn beim Elfmeterschießen.

Aber: Ich hätte mich für Argentinien nicht weniger gefreut und ihnen den Titel nicht weniger gegönnt. Auch da hätte es wunderschöne Jubel-Bilder gegeben. Auch sie hätten den Sieg genau so verdient gehabt, denn das gestern waren wirklich zwei Mannschaften auf Augenhöhe und ein absolut offenes Spiel. Ich wüsste nicht, warum ich jetzt völlig aus dem Häuschen sein sollte, nur weil es die Mannschaft geworden ist, die aus demselben Land kommt als ich. Mehr als die Nationalität und die Sprache verbindet mich mit den deutschen Spielern nicht!

Wenn ich so durch mein Facebook scrolle, heute, dann läuft es mir geradezu kalt den Rücken runter. Wenn ich Sätze lese, wie: „Endlich stolz sein auf dieses Land.“ – Was, bitte, um alles in der Welt, hat das Land mit der deutschen Nationalmannschaft zu tun? Außer, wie bereits gesagt, dass die Spieler die Nationalität und die Sprache teilen. Stolz sein kann das Team, das diese Leistung erbracht hat, die Vereine und Vereinstrainer, der DFB, der mit seiner Nachwuchsarbeit sicherlich auch großen Anteil daran hat. Das Land? Was hat das Land Deutschland dazu beigetragen? Was bringt dem Land Deutschland dieser WM-Titelgewinn? Wenn die Euphorie wieder nachlässt, werden vermutlich einige kleine Jungs mehr zum Fußballspielen im Verein angemeldet werden. Und sonst? Was bleibt von dem Nationalstolz in zwei, in vier, in sechs Wochen?

Und mal ganz ehrlich: So schlecht ist unser Land jetzt grundsätzlich auch nicht. Man kann durchaus Gründe finden, abseits vom Fußball stolz auf Deutschland sein zu können, wenn man das gerne möchte. Man muss es ja nicht sein. Aber der Fußball ist nun wirklich ein wahrlich schlechter Grund. (Einen interessanten, allerdings schon zwei Jahre alten, Artikel aus der SZ zum Thema „Fußballtaumel und Fremdenfeindlichkeit“ habe ich gerade gefunden, wer mag, gerne mal lesen). Aber scheinbar scheint es heutzutage zum guten Ton zu gehören: Egal, wie wenig man sich die restliche Zeit über für Fußball interessiert, wenn WM oder EM ist, dann muss man natürlich das eigene Land unterstützen und dann hat man auf einmal so viel Ahnung von dem allen. Klar. (Ja, das geht mir ein wenig auf die Nerven, denn ich nehme mich von diesen, in der Regel auch überwiegend weiblichen, Personen aus.)

Ich hoffe, dass ich in zwei, drei Tagen das Radio wieder anstellen kann, ohne von der „SCHLAAAAAND“-Euphorie-Welle erschlagen zu werden. Ich hoffe, dass dann auch diese vereinfachende, plakative, Schlagwort-Berichterstattung über Fußball/die WM in den (öffentl.-rechtl.) Medien wieder verschwindet – und hoffentlich nie wieder ausgepackt wird. Dazu hatte ich mich hier ja schon einmal geäußert. Dem Ganzen die Krone aufgesetzt hat für mich Oliver Schmidt, der am Samstag für das ZDF das Spiel zwischen der Niederlande und Brasilien um den dritten Platz kommentiert hat und in einer Tour noch und nöcher Gehässigkeiten über das brasilianische Team in sein Mikro gelabert hat. Unfassbar herablassend, oberflächlich und respektlos. „Nett“ fand ich auch den Kommentar, den ich die Tage auf SWR1 gehört habe. Das zweite Halbfinale Niederlande gegen Argentinien sei verlaufen, als „hätte keiner Lust gehabt, gegen Deutschland im Finale zu spielen“ – das schlicht nicht wahr! Das waren zwei Mannschaften, die sich mit ihren Fähigkeiten und ihren Taktiken gegenseitig ausgehebelt haben. Aber sowas kommt natürlich nicht so gut an, schon klar. Viel schöner, wenn man gleichzeitig andere runtermachen und dabei „sich selbst“ = das eigene Land noch positiver darstellen kann.

Jetzt ist die WM vorbei. Endlich, kann ich da nur sagen. Oder, um es so auszudrücken, wie ein englischer „Twitter-Freund“ es gestern schrieb: „That’s it, world cup’s over, we can get back to the proper football now.“ Ich freu mich auf die neue Bundesliga- und überhaupt-Saison mit dem BVB. Ich hoffe, auf einen ähnlich erfolgreichen Verlauf wie im letzten Jahr, freue mich auf spannende Spiele und ebenso schöne Jubel-Bilder wie von gestern Abend. Und da hängt dann auch mein Herz wirklich dran.

(Und wer mir jetzt mitteilen will, wie furchtbar unpatriotisch ich doch bin und dass das ja mal überhaupt nicht in Ordnung wäre – ihr dürft alle gerne die Kommentarfunktion nutzen, ne? ;-) )

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