Emotional

Es geht mir gut. Bald sind Ferien, das Wetter ist super (schon fast zu heiß), ich bin zufrieden und lebe hier halt so vor mich hin. Alles gut.

Wieso ich seit einigen Tagen teilweise ganz furchtbar emotional bin? Das weiß ich nicht. (Nein, schwanger bin ich nicht. Ziemlich sicher ;-) ) Eigentlich könnte ich jedes Mal, wenn ich bewusst die Nachrichten höre, anfangen zu heulen.

Internationale Nachrichten: Tote im Gaza-Streifen. Knapp 300 Tote, weil ein Flugzeug über der Ukraine vermutlich und vermutlich unabsichtlich abgeschossen wurde (unabsichtlich im Sinne von, man hielt es für ein anderes). Gestern habe ich einen australischen Zeitungsartikel gesehen, der viele der australischen Opfer mit Namen und Foto „vorstellte“ – darunter ein Großvater und seine drei Enkel, die auf dem Rückflug vom Urlaub waren. Die Eltern der Kinder waren in einem anderen Flugzeug zurückgekehrt.

Nationale Nachrichten: Tote bei einem Busunglück in der Nähe von Dresden heute Morgen. Ein Toter, der wohl bei roter Ampel noch versucht hat, mit dem Auto eine Bahnstrecke zu überqueren, irgendwo in Rheinland-Pfalz heute Morgen.

Jetzt gerade über Facebook und Twitter: Tod des ehemaligen Profi-Fußballers Andreas Biermann (u.a. beim FC St. Pauli) im Alter von 33 Jahren, der, wie sein letzter Verein FSV Spandauer Kickers schrieb, „seine depressive Krankheit nicht überwinden“ konnte.

Und ich sitze hier und frage mich: Warum? Was läuft schief? Ich will gar nichts sagen zu diesen Nachrichten, insbesondere bei den beiden erstgenannten bin ich auch der Meinung, dass es mir da an (politischem) Verständnis und Hintergrundwissen fehlt, um da irgendetwas dazu sagen zu können. Aber wann immer ich so etwas bewusst höre, darüber nachdenke, und summiere, was alles in der Welt passiert, wo überall Kriege, Auseinandersetzungen, Gefechte sind: Das macht mir Angst, das macht mich wütend und das macht mich traurig.

Zu Biermann vielleicht noch: Das macht mich noch einmal besonders wütend und besonders traurig. Ich habe bereits etwas über die Biografie von Sebastian Deisler, die ich gelesen habe, geschrieben, und ich habe auch die Biografie über Robert Enke gelesen. Und dann gab es da noch den Schiedsrichter Babak Rafati, der sich versuchte, das Leben zu nehmen, Ralf Rangnick, der an Burn-Out litt und dies zugab und und und…. Natürlich sind Depressionen kein Thema, das ausschließlich auf den Sport oder den Fußball beschränkt wäre. Aber es ist ein Thema, das dort noch immer stärker tabuisiert wird als im Rest der Gesellschaft.

Und es ist ein Thema, zu dem von offizieller Seite schon so viel schöne Sätze gesagt worden sind. Ganz besonders nach dem Selbstmord von Robert Enke. Und was ist passiert? Nichts. Oder zumindest viel zu wenig. So wenig, dass Andreas Biermann jetzt für sich ebenfalls keinen anderen Ausweg mehr gesehen hat.

Es ist doch einfach verdammt traurig. Wenn man mal so darüber nachdenkt. Das soll jetzt nicht heißen, dass ich den ganzen Tag nichts anderes tue als Nachrichten zu hören und zu lesen und vor mich hinzuheulen, wie schlecht die Welt doch ist. Das ist sie ja nicht ausschließlich. Aber es kann sicher auch nicht schaden, sich ab und an mal solche Gedanken zu machen. Sich mit unangenehmen Themen zu beschäftigen.

Ich könnte jetzt noch so viel schreiben, aber es ist quasi mitten in der Nacht und ich wüsste nicht, wo anfangen und wo aufhören. Daher beende ich diesen Post, erneut mit ein paar Tränen in den Augen, an dieser Stelle, und komme gegebenenfalls später noch einmal auf eines oder mehrere der hier angeschnittenen Themen zurück.

Nachtrag:
Jetzt habe ich eine Nacht darüber geschlafen, aber es beschäftigt mich noch immer. Immer wieder tauchen Tweets in meiner Timeline oder Facebook-Posts zu Andreas Biermann auf. Ich habe mich ein mini-bisschen „eingelesen“, in seine Geschichte und es macht mich noch immer so wütend. Anders als Robert Enke ist er an die Öffentlichkeit gegangen, hat seine Krankheit nach mehreren Suizidversuchen öffentlich gemacht, hat ein Buch geschrieben, um aufzuklären und anderen Betroffenen Hilfe anzubieten. Wieder gab es schöne Worte, gab es viele Versprechungen seiner Vereine – doch letztlich war er seitdem arbeitslos, hat ihn kein Verein mehr unter Vertrag nehmen wollen.

Seine Krankheit, seine Probleme waren bekannt und doch ist es letztlich zu diesem Selbstmord gekommen. Ich kenne mich nicht genug mit der Thematik aus, um zu wissen, ob man einen Suizid überhaupt verhindern kann, wenn jemand fest entschlossen ist, seinem Leben ein Ende zu setzen, wenn jemand keinen anderen Ausweg mehr sieht. Aber ich sehe einfach, dass nicht genug getan wird, um es überhaupt zu versuchen, um Betroffene zu unterstützen.

Ich weiß, dass sich jedes Jahr viele Menschen umbringen, um die weitaus weniger Aufhebens gemacht wird, ich weiß, dass bei Promis grundsätzlich aus allem ein großes Drama gemacht wird. Mein subjektives Gefühl ist allerdings, dass Themen wie psychische Erkrankungen/Depressionen oder auch Homosexualität in der Gesellschaft grundsätzlich weniger stark tabuisiert sind (auch wenn auch dort nicht so viel darüber geredet wird, wie es nötig wäre), als in dem Kosmos des Profifußballs. Da ist es einfach nach wie vor ein ganz großes Tabu, über solche Dinge zu sprechen, geschweige denn, sich als Betroffener öffentlich dazu zu bekennen.

Und das, wo der Fußball doch immer von sich behauptet, ein solches Vorbild sein zu wollen, das ganze Land repräsentieren zu wollen. Das wird als Keule ganz besonders dann gerne hervorgeholt, wenn irgendein Spieler, Trainer, Funktionär, sich einen Fehltritt erlaubt hat („Man kann doch nicht mit Dönern schmeißen, der ist Nationalspieler, den kann man jetzt nicht mit zur WM nehmen, das geht doch nicht, der hat doch eine Vorbildfunktion!“). Warum, warum schafft der Fußball es dann nicht, auch mal mit positivem Beispiel voranzugehen, etwas zu bewegen, zu verändern – im Fußball und davon ausgehend auch gesamt-gesellschaftlich?

Das macht mich wütend, das macht mich traurig, und das löst in mir das Bedürfnis aus, zu helfen. Etwas zu tun. Nur was? Da kommt der Gedanke an den Master-Studiengang „Sport, Medien- und Kommunikationsforschung“ in Köln wieder. Auf Seiten der Medien zu stehen und von dort aus Dinge verändern, Dinge bewegen.
Ich weiß es nicht, ich habe da absolut keine konkreten Gedanken im Kopf. Ich bin gespannt auf das Buch, das oben im Tweet zitierter Journalist Francois Duchateau Ende des Jahres zum Thema Depressionen im Fußball veröffentlichen wird und das vielleicht auch Denkanstöße bietet. Für den Moment… bin ich einfach erst mal weiterhin wütend-traurig.

(Und nein, ich will damit jetzt nicht sagen, dass der Tod von Andreas Biermann tragischer ist als der anderer depressiver Menschen, die Suizid begehen. Ich will auch nicht sagen, dass sein Tod tragischer ist als die Vorfälle im Nahen Osten, als der Flugzeug-Abschuss über der Ukraine usw. Das ist hier alles in einen Pott geworfen, weil es mich alles bewegt. Wer allerdings einen Blick in das Archiv dieses Blogs wirft, wird feststellen, dass Fußball allgemein und insbesondere auch die Themen Depressionen und Homosexualität im Fußball schon öfter eine Rolle gespielt haben und sie mir einfach wichtig sind. Damit soll jedoch keinesfalls die Wichtigkeit der anderen Themen herabgestuft werden.)

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