Über die journalistische Sorgfaltspflicht… und die BILD.

Wir alle kennen doch den sogenannten Journalismus der Bild. Setze ich jetzt einfach mal voraus. Gestern Abend allerdings hat der nochmal eine ganz neue Qualitätsstufe erreicht. Die BILD-Reporter müssen Röntgenaugen haben, Wahrsager sein oder aber das Recht besitzen, Verletzungen bei Fußballern in einem versteckten mobilen Untersuchungsraum heimlich zu diagnostizieren.

Anders ist es jedenfalls nicht erklärbar, dass die BILD gestern Abend, nicht lange nach dem Abpfiff des Spiels Borussia Dortmund gegen Bayern München, bereits verkünden konnte, dass Hummels sechs Wochen lang ausfallen würde. Sechs Wochen, das am Rande, würde quasi das Hinrunden-Aus bedeuten: 3 Rückspiele in der CL und 6 bis 7 BuLi-Spiele würde er damit verpassen. Kurz, eine ganze Menge.

Offiziell war nur bekannt, dass Hummels sich in der 1. Halbzeit verletzt hatte und daher zur Pause ausgewechselt werden musste. In der Pressekonferenz nach dem Spiel erklärte Klopp, Hummels habe Schmerzen an dem Fuß, an dem er dieses Jahr bereits verletzt gewesen war, und es sähe nicht gut aus. Mehr offizielle Infos gab es nicht. Das hat die BILD aber nicht daran gehindert, Tweets abzusetzen, Hummels sei schwer verletzt und falle für 6 Wochen aus, mit Links auf Artikel auf der Bild.de-Seite. Selbstverständlich (leider) sind sowohl Tweet als auch Artikel heute nicht mehr auffindbar.

Und genauso selbstverständlich verbreitete sich diese Nachricht dann natürlich auch, denn, wie bereits gesagt: 6 Wochen sind eine lange Zeit und eine solche Ausfallzeit von Hummels täte dem BVB sehr weh. Kann man also gut plakativ verbreiten. Nicht nur Fußballfans, die offensichtlich das Gehirn mit Anpfiff ausgeschaltet hatten, haben diese angebliche Meldung weiterverbreitet, auch der an und für sich sehr seriöse LigaInsider bspw. twitterte dies – mit der Begründung, es könne ja sein, dass Hummels sich direkt nach Abpfiff bei Doktor Müller-Wohlfahrt in München habe untersuchen lassen.

Hatte er aber nicht. Wohl aufgrund der sich rasch vervielfachenden Falsch(!)-Meldungen sah sich Sascha Fligge, der Pressesprecher des BVB, auf seinem privaten Twitter-Account gezwungen, eine Richtigstellung vorzunehmen:

Auch die, wie üblich sachlich und zurückhaltend agierenden Journalisten der Ruhr-Nachrichten stellten dies noch einmal fest:

Schade, dass es dieser Tweets überhaupt bedurfte. Denn einem klardenkenden Menschen hätte klar sein können, dass der BVB auf dem Rückflug nach Dortmund wohl kaum ein MRT-Gerät dabei hatte, mit dem man eine Diagnose hätte stellen können, die man dann ausschließlich der BILD mitteilte und selbst nicht verkündete.

Was also hat die BILD-Zeitung gemacht? Eine wilde Vermutung in den Raum geworfen, aber nicht als Vermutung gekennzeichnet, sondern als wahre Tatsache verkauft. Wie bereits eingangs festgestellt: Wir kennen das, was die BILD Journalismus nennt. Aber das hier ist ein wunderbares Beispiel für die Verletzung der sogenannten Sorgfaltspflicht eines Journalisten. Die wurde übrigens 1961 in einem Urteil des Bundesverfassungsgerichts festgelegt und bestimmt:

Wenn die Presse von ihrem Recht Gebrauch macht, ist sie
zur wahrheitsgemäßen Berichterstattung verpflichtet. Die
Erfüllung dieser Wahrheitspflicht ist in der Bedeutung der
öffentlichen Meinungsbildung im Gesamtorganismus einer
freiheitlichen Demokratie begründet.

Die journalistische Sorgfaltspflicht leitet sich aus der Verpflichtung zur wahrheitsgemäßen Berichterstattung ab. Zu ihr gehören sorgfältige, gründliche Recherche, vollständige Informationen und objektiv angemessene Wortwahl. Gut, nun gibt es sicherlich Situationen, in denen es wesentlich wichtiger ist, diese Sorgfaltspflicht einzuhalten als bei der Frage, ob und für wie lange ein Fußballer verletzt ist. Aber diese Pflicht gilt grundsätzlich immer und auch im Kleinen. Und da frage ich mich schon, wo die BILD recherchiert haben will und wo sie vollständige Informationen über die Schwere der Verletzung und die Dauer der Ausfallzeit herbekommen haben will, wenn noch überhaupt keine Untersuchung stattgefunden hat.

Kleiner Funfact am Rande: Natürlich haben nicht alle blindlings den Tweets der BILD geglaubt. Vor allem diejenigen nicht, die genau wussten, dass noch nichts untersucht war und alles nur wilde Spekulationen sein konnten. Also die anderen Journalisten, die guten und seriösen; die hat das wohl eher amüsiert. Siehe jedenfalls folgende Tweets:

Die Untersuchung erfolgte dann wie üblich heute. Und sie ergab, dass Hummels sich eine Bänderdehnung zugezogen hat und für drei Wochen ausfällt. Also die Hälfte von dem, was die BILD gestern in den Raum gestellt hat.

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