Mauerspecht – Wie das ZDF noch einmal die deutsche Mauer einreißen will

Der 9. November ist der Jahrestag des Mauerfalls. 25 Jahre ist es her, dass die innerdeutsche Mauer fiel. Gestern wurde in einer Feierstunde im Bundestag daran erinnert, im Fernsehen laufen Dokus und Spielfilme, überall hört und sieht man momentan von Erinnerungen und ganz persönlichen, mit dem Mauerfall verbundenen, Schicksalen und Erlebnissen.

Auch das ZDF mischt fleißig mit und hat dazu den Mauerspecht in’s Leben geholt. Bei dieser interaktiven Challenge sind Nutzer der sozialen Netzwerke Facebook, Twitter und Instagram aufgerufen, ihre Erinnerungen und Erfahrungen mit dem Hashtag #mauerspecht zu teilen. 1 Post entspricht dabei einem Meter der virtuellen Mauer. Um die gesamte Mauer einzureißen, bedarf es 160 000 Posts.

Das Ganze ist hübsch aufbereitet, mit einer nachgestellten Mauer und einem Specht, den man scrollend über die Mauer flattern lassen kann. In der rechten Seitenleiste kann man eine redaktionelle Auswahl der geposteten Beiträge lesen, teilweise sehr detaillierte Erfahrungsberichte, teilweise auch nur Tweets mit einem Foto und dem Hashtag. Also eine bunte Mischung, von allem etwas dabei.

mauerspecht

Ich finde auch die Idee dahinter schön: Die Mauer symbolisch noch einmal zum Fallen bringen, an den Mauerfall vor 25 Jahren erinnern und Erfahrungen teilen, die Bedeutung des Mauerfalls und der Wiedervereinigung erfahren.

Einzig und allein: Die Mauer des ZDF wird wohl nicht fallen. Die Aktion läuft bereits seit dem 27. Oktober, der Counter wird am Montagmorgen um 10 Uhr angehalten. Bis dahin sind, Stand Freitagabend, noch 141,5 km Mauer niederzureißen, erst 18 907 der für den Fall erforderlichen 160 000 Beiträge sind eingegangen. Und ich wage zu bezweifeln, dass diese Posts jetzt am Wochenende alle noch kommen werden. Man kann das natürlich symbolisch sehen: Der Fall der Mauer war einzigartig, einmalig und ist nicht zu wiederholen, auch nicht virtuell.

Man kann sich aber auch fragen, woran das liegt, dass die Aktion zwar durchaus Zuspruch erhält, aber eben nicht einen solch großen, mit dem das ZDF wohl gerechnet hatte. Eine mögliche, spontan zusammengereimte Erklärung: Nutzer der sozialen Medien sind überwiegend junge Menschen. Altergruppe 14 bis 29, vielleicht bis 39. Die sind für den Mauerfall schlicht und einfach zu jung, weil sie entweder noch gar nicht geboren waren oder damals zu jung waren, als dass sie jetzt noch Erinnerungen daran hätten. Dazu kommt, dass der Mauerfall für viele junge Menschen heute vielleicht auch gar nicht (mehr) die Bedeutung hat, wie für die älteren Menschen, die auch die Trennung der beiden Länder durch die Mauer noch deutlich miterlebt und in Erinnerung haben.

Das ZDF will seine Mauer natürlich fallen sehen und buhlt daher, zumindest auf Twitter, kräftig um Aufmerksamkeit. Was natürlich gerechtfertigt ist, mir aber ein bisschen aufstößt:

Hier wären wir nämlich zum einen wieder bei der Altersgruppe, die eben, wie oben dargelegt, gar nicht das Zielpublikum dieser Aktion sein kann. Zum anderen, meine ich, konterkariert das ZDF mit diesen Tweets den Sinn und Zweck der Mauerspecht-Challenge: Die Tweets wurden fleißig retweetet, 1482-Mal bei dem Tokio Hotel-Tweet, das bedeutet, 1482 Mal wurde der Hashtag #mauerspecht verwendet und somit die Mauer ein bisschen mehr zum Einstürzen gebracht. Aber eben ausschließlich über Retweets, es werden wohl nur wenige „echte“ Posts mit Erfahrungen und persönlichen Schilderungen dadurch zustande gekommen sein – was ja ein Ziel der Challenge ist!

Darüber kann man denken, wie man will, das ZDF twittert, es seie doch wichtig, auch junge Menschen für dieses Ereignis zu begeistern. Nun, ob das damit gelingt, wage ich ehrlich gesagt zu bezweifeln – aber ich bin ja auch nicht im Social Media-Team des ZDF.

Die Aktion an sich finde ich jedenfalls sehr gelungen und es ist wirklich interessant, sich durch die Beiträge zu lesen. Nur selbst beisteuern kann auch ich leider nichts – auch ich kenne Deutschland nur wiedervereinigt und ohne Mauer.

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