ARD-Themenwoche Toleranz

Heute beginnt die Themenwoche der ARD zum Thema Toleranz: Anders als du denkst. Ich habe mich vorhin einmal kurz durch den Programmkalender geklickt und bin auf einige Sendungen gestoßen, die interessant zu werden versprechen. Einiges werde ich mir wohl ansehen, vieles davon vielleicht auch in den entsprechenden Mediatheken.

Das Thema Toleranz soll sich wie ein roter Faden durch die TV- und Radioprogramme des Ersten und der dritten Programme ziehen. Erste Kritik gibt es jedoch schon, bevor die Themenwoche überhaupt startete. Anlass waren zum Einen die Plakate, mit der die ARD für die Themenwoche wirbt:

Toleranzplakat-Themenwoche-ARD

In den sozialen Medien, aber auch von offiziellen Stimmen werden diese Plakate kritisiert. Muss sich ein Schwuler fragen lassen, ob er nicht normal sei, ein Behinderter unterstellen lassen, er könne ein Außenseiter sein? Der Hauptgeschäftsführer des Paritätischen Verbandes, Ulrich Schneider, sagt dazu, die Poster seien „unglücklich und wenig reflektiert“, und die Kampagne werde der Toleranzdebatte nicht helfen. Auch Volker Beck und selbst der NRD üben Kritik.

Von Seiten der ARD heißt es, man wollte mit den Plakaten bewusst provozieren und habe hier offensichtlich einen Nerv getroffen. Ich muss sagen, die Plakate könnte ich mir noch gefallen lassen – immerhin werden Fragen gestellt, zwei alternative Sichtweisen einander gegenüber gestellt. Die Plakate sollen Vorurteile thematisieren und zum Nachdenken anregen – und durch die Diskussionen, die über die Poster entbrannt sind, ist die Themenwoche der ARD auf jeden Fall im Gespräch. Gelungen finde ich sie allerdings trotz allem nicht. (Rhetorische) Fragen sind als Stilmittel ja durchaus beliebt. Ich muss aber sagen, das hat die Aktion Mensch in ihrer letztjährigen Kampagne zum Thema Inklusion deutlich besser hinbekommen.

Viel schlimmer als die Plakate finde ich aber den Text, mit dem eine Sendung des Hessischen Rundfunks beworben wird. „Der Tanz um die Toleranz. Was müssen wir uns gefallen lassen – was nicht?“ läuft in der Sendung „horizonte“ und wird angepriesen mit folgendem Text:

Der Tanz um die Toleranz nimmt gelegentlich abstruse, gelegentlich sogar intolerante Züge an. „Political correct“ mag es sein, mit Toleranz all dem zu begegnen, was einen irritiert und / oder ärgert. Aber wo findet Toleranz ihre Grenzen? Hat Toleranz nicht auch mit Macht zu tun? Kann Toleranz auch in Beliebigkeit und damit in Ignoranz umkippen? […] Ist sich das knutschende schwule Paar in der U-Bahn eigentlich bewusst, wie viel Toleranz es seinen Mitreisenden abverlangt? Und die muslimische Kollegin, die mit Beharrlichkeit den Betrieb in der Kantine lahm legt, weil sie unbedingt wissen muss, ob in dem Essen auch wirklich kein Schweinefett enthalten ist.

Das finde ich absolut nicht mehr akzeptabel, weil, anders als auf den Plakaten, hier keine Fragen gestellt, sondern Tatsachen präsentiert werden, weil in der Öffentlichkeit ausgelebte Homosexualität und das Sich-Richten nach religiösen Speisegeboten als nervig, als unangenehm, als nicht normal angesehen werden, weil Vorurteile genutzt werden, anstatt diese zu beseitigen. Dieser Teaser hat mich wirklich erschrocken – ob ich mir die Sendung anschauen werde? Ich weiß es nicht, da ich über den Gast Matthias Matussek, der dort im Studio über Toleranz diskutieren soll, bisher nur negatives gehört habe.

Eine andere Frage, die sich mir stellt, ist die nach der Definition von Toleranz. Was meint Toleranz überhaupt? Ist ein „ertragen, erdulden“ anderer Meinungen und Verhaltensweisen überhaupt genug oder sollte nicht vielmehr für Akzeptanz geworben werden? Manfred Huber vom Bayrischen Rundfunk erklärt, der Themenwoche liege das aktuelle Verständnis von Toleranz, die Wertschätzung eines Menschen trotz unterschiedlicher Auffassungen, zugrunde. In einem Interview auf der Startseite der Themenwoche erklärt der Rabbiner Tovia Ben-Chorin, er würde Toleranz lieber durch das Wort Respekt ersetzen.

Ich hoffe jedenfalls, dass die Sendungen, die sich von Dokus über obligatorische Talk-Shows bis zu Spielfilmen erstrecken, mehr bewegen und mehr tun, als plakativ Vorurteile und „political correct“-Aussagen einander gegenüber zu stellen. Auch diese Diskussion um das Wort Toleranz, die Bedeutung und die Ausmaße, wird hoffentlich stattfinden. Ich bin trotz allem gespannt und werde sicherlich noch das ein oder andere Mal hier darauf zurückkommen.

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4 Kommentare zu „ARD-Themenwoche Toleranz

  1. Ich möchte ich als Mensch mit Behinderung nicht nur toleriert werden sondern auch mit all meinen Stärken und Schwächen akzeptiert werden. Wenn mich einer toleriert bedeutet das bei Licht betrachtet doch nur das er mich duldet mehr nicht.

    1. Hallo Andeas,
      das kann ich gut verstehen und das ist absolut auch meine Meinung dazu. Behinderte Menschen müssen gleichwertige, völlig normale und selbstverständliche Mitglieder der Gesellschaft sein (können). Ich denke, dass es darauf ankommt, wie man Toleranz interpretiert bzw. definiert. Wie im Artikel beschrieben, legte die ARD Toleranz als „Wertschätzung eines Menschen trotz unterschiedlicher Auffassungen“ aus (jedenfalls laut M. Hubers Aussage), was ja deutlich mehr ist, als nur geduldet zu werden. In meinem letzten Post zur Themenwoche (https://outtheblueblog.wordpress.com/2014/11/25/toleranz-oder-akzeptanz-die-themenwoche-der-ard-zum-letzten/) habe ich die Frage ‚Toleranz oder Akzeptanz‘ auch noch einmal thematisiert und hoffe, damit auch deine Meinung wiederzuspiegeln :)
      Vielen Dank jedenfalls für deinen Kommentar :)

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