ARD Themenwoche Toleranz – Ein Zwischenruf

Ziemlich genau die Hälfte der ARD Themenwoche zum Thema Toleranz: „Anders als du denkst“ ist vorbei. Ich habe einige Sendungen gesehen, die ich mir aus der Mediathek heraus ausgesucht habe, und möchte an dieser Stelle gerne einige Empfehlungen und Kritiken abgeben.

ARD, 90 Minuten sind kein Leben

Die Doku thematisiert den Suizid von Robert Enke und Andreas Biermann, lässt Angehörige von Biermann genauso zu Wort kommen wie Markus Miller, der ebenfalls Torwart bei Hannover 96 ist und ebenfalls an einer mentalen/psychischen Erkrankung litt, Holger Stanislawski, ehemaliger Trainer Biermanns, Wolfgang Niersbach, Oliver Bierhoff und Forscher, die sich aus wissenschaftlicher Sicht mit Depressionen und psychischen Erkrankungen auseinander setzen. Es wird deutlich, überdeutlich, dass eine tiefgehende Veränderung, ein starkes Umdenken im Fußball noch nicht stattgefunden hat, dass Vereine zwar vermehrt Sportpsychologen beschäftigen, deren Ziel aber nicht in erster Linie die mentale Gesundheit der Spieler, sondern die Leistungsoptimierung ist. Während Niersbach zumindest indirekt die Medien kritisiert, erklärt, dass insbesondere durch die neuen Medien der Druck für die Spieler immer größer werde, sieht Stanislawski auch und besonders die Gesellschaft in der Pflicht, nicht immer wieder möglichst schnell zum Tagesgeschäft überzugehen, sondern sich mit Problemen wie diesen tiefergehend auseinander zu setzen. Aus wissenschaftlicher Perspektive wird der Zusammenhang und das Zusammenspiel von Körper und Seele erläutert, die Kombination von Umwelteinflüssen, Stress und genetischen Vorbedingungen, die bei einer Depression eine Rolle spielen.

Höchst aufschlussreich, vielschichtig, empfehlenswert!

WDR, Lesbische Eltern – Familien zweiter Klasse

In diesem Film wird ein lesbisches Elternpaar auf dem Weg zur erfolgreichen Stiefkindadoption des eigenen Wunschkindes begleitet. Klingt paradox? Wenn eine der Frauen in einer lesbischen Beziehung ein leibliches Kind bekommt und dieses von beiden Frauen als Elternpaar aufgezogen werden soll, kann die andere, die soziale, Mutter nicht einfach in die Geburtsurkunde eingetragen werden, wie es bei unverheirateten heterosexuellen Paaren bei dem Vater passiert. Stattdessen muss eine Stiefkindadoption durchgeführt werden, bei der die Familie vom Jugendamt auf Herz und Nieren geprüft wird, bevor das Familiengericht letztlich über die Adoption entscheidet. Wie genau das abläuft und wo die Unterschiede zu einer Adoption bei einem heterosexuellen Paar liegen, wird in dieser Doku geklärt.

SWR, Klares Abseits

Noch was mit Fußball – in diesem Fall geht es um Rassismus. Danny da Costa und Gerald Asamoah u.a. erzählen von den Erfahrungen, die sie als schwarze Profifußballer in den deutschen Bundesligen gemacht haben. Es ist erschreckend zu sehen, wie viel Rassismus es noch immer in deutschen Stadien gibt, dass Spieler einzig und allein aufgrund ihrer Hautfarbe diskriminiert, beleidigt, angepöbelt werden. Es ist aber auch toll zu sehen, was von Seiten der Fans, Vereine und Mitspieler dagegen getan wird. Natürlich hat sich schon vieles verändert, verbessert, aber allein die bloße Existenz von Rassismus, im Jahr 2014, noch immer, zeigt, dass man nicht aufhören darf. Dass vielleicht Spots wie der von der Uefa, „No to racism“, nicht genug sind.

Sehr empfehlenswert!

ARD, Willkommen in Hoyerswerda?

Mal ein anderes Thema – Flüchtlinge. In Hoyerswerda in Sachsen wurden 1991 durch ausländerfeindliche, „pogromartige“ Zwischenfälle Asylbewerber letztlich aus der Stadt gejagt. Jetzt sind wieder Asylbewerber in der Stadt untergebracht und erneut gibt es viele Menschen, die das stört. Es gibt aber auch eine Initiative, die dagegenhält, gegen die Rechten, gegen die Ausländerfeindlichkeit, und die Asylbewerber unterstützt, das Heim am Laufen hält. „Hoyerswerda hilft mit Herz“ setzt sich für die Asylbewerber ein. Der Film dokumentiert die Arbeit des Bürgerbündnisses, begleitet besonders die Mitbegründerin des Bündnisses bei ihrem Werben für Toleranz und ihrem Kampf gegen die Neonazis. Dass sie dabei auch persönlich angegriffen wird, nimmt sie in Kauf – weil sie ihre Heimat, Hoyerswerda liebt, weil sie den Asylsuchenden zeigen will, was ihre Heimat lebens- und liebenswert macht, und weil sie es besser machen will als 1991.

Ebenfalls Anschau-Empfehlung!

rbb, Down Town – Anna zieht nach Berlin

Anna ist 28, hat das Down-Syndrom und zieht aus ihrem Elternhaus in Darmstadt zu ihrer Tante nach Berlin. Sie wurde direkt nach ihrer Geburt von ihren Großeltern adoptiert, die sie ihre Eltern nennt; zu ihrer leiblichen Mutter, die bei ihrer Geburt noch minderjährig war, hat sie eher wenig Kontakt. Der Umzug bedeutet für sie mehr Freiheit, mehr Selbstständigkeit. „Ich bin mutig und mach den Schritt. Ich muss es einfach.“ Sie sieht das Leben als Herausforderung – in Berlin wartet ein neuer Job auf sie, neue und andere Regeln und ein Freund. Sie ist ein unglaublich reflektierter Mensch, sie weiß genau, was sie will, erkennt aber auch ihre Grenzen und dass sie manchmal vielleicht zu viel will.

Ein toller Film, ebenfalls Empfehlung!

SWR, Freier Fall (nur ab 20 Uhr)

Der Film stand ebenfalls auf meiner „to watch“-Liste und nachdem ich dann auf Twitter ebenfalls positives über ihn gehört hatte, musste ich ihn natürlich erst Recht ansehen. Ich wurde allerdings enttäuscht. Ohne zu viel von der Handlung vorwegnehmen zu wollen, fand ich ihn zu platt, zu vorhersehbar, zu düster, zu schwarz-weiß-malerisch. Schwul oder nicht schwul, Frau und Kind versus Polizeikollege, Rauchen, Drogen, Schlägereien. Positiv hervorzuheben: Es wird glücklicherweise keins der üblichen Klischees bedient und der Film zeigt hervorragend auf, welche Vorurteile und offen zur Schau gestellte Ablehnung gegenüber Homosexuellen auch heute noch existieren, vielleicht in einer Domäne wie der Polizei nochmal extremer, da dort, wie auch im Sport/Fußball, der Bundeswehr, u.a., das Bild des starken Mannes, des harten Kerls noch besonders lebendig ist und das für viele nicht mit Homosexualität in Verbindung zu bringen ist. Ich kannte den Film vorher noch nicht, hatte aber das Gefühl, genau zu wissen, wo die Reise hingeht – daher leider keine ausdrückliche Empfehlung.

 
Abschließend für heute noch der Hinweis auf einen Schwatzgelb.de-Artikel: Die falsche Toleranzdebatte.

Was für einen Sinn hat es, sich einerseits für mehr Toleranz auszusprechen und andererseits all diejenigen, die sich menschenverachtend verhalten oder auch nur äußern, zu einem beinahe übermächtigen Gegner zu stilisieren? Nur um dann anschließend wieder zu erklären, dass doch irgendjemand gegen diesen Gegner bitte zu Felde ziehen möge. Wäre es nicht viel zielführender, den Fokus auf die positiven Ansätze zu lenken und die Leute auf einen Schild zu heben, die sich bereits jetzt gegen diese Gegner positionieren?

Der Artikel bezieht sich auf den Bereich Fußball, lässt sich aber problemlos auch auf andere Gesellschaftsbereiche bzw. die Gesellschaft allgemein übertragen. Natürlich ist es wichtig, auf Probleme wie Rassismus, Homophobie und Sexismus aufmerksam zu machen dagegen anzugehen. Genauso wichtig ist es aber, die Gegenmaßnahmen, die es bereits gibt, Bündnisse, Vereine, Fangruppen, die diese Probleme aktiv bekämpfen, ebenfalls in’s Licht der Öffentlichkeit zu rücken und so zu zeigen, wie es gehen kann.

Advertisements

Ein Kommentar zu „ARD Themenwoche Toleranz – Ein Zwischenruf

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s