Toleranz oder Akzeptanz? Die Themenwoche der ARD – zum Letzten

Die Themenwoche der ARD zum Thema Toleranz ist vorbei. Und nun? Haben wir was gelernt oder zumindest davon mitgenommen? Konnte die ARD ihre Aktion nach den etwas verunglückten Werbemaßnahmen und der Kritik im Vorfeld noch retten? Welche Themen wurden im Einzelnen behandelt, welche Sendungen waren gut, welche eher nicht?

Einige Sendungen, die ich für empfehlenswert halte/hielt, habe ich ja bereits genannt. Außerdem würde ich in dieser Liste gerne noch ergänzen:

NDR, Kinderleben mit Behinderung

In der Sendung werden ein Junge mit Down-Syndrom, ein Junge im Rollstuhl und zwei aufgrund einer extremen Frühgeburt schwerbehinderte Zwillingsmädchen und ihre Familien vorgestellt und einige Tage begleitet. Die Sendung läuft sehr schematisch ab, so werden nacheinander dieselben Themenblöcke (bspw. wie geht es in Kindergarten/Schule, wie war es am Anfang, von der Behinderung zu erfahren, wie stellen sich die Eltern die Zukunft ihrer Kinder vor etc.) in allen Familien abgehandelt. Dabei bleibt der Bericht aber sachlich und ein Stück weit distanziert, kein übertriebenes Mitleid, sondern Abbildung des Lebens. Daher sehr empfehlenswert!

BR, Gertas andere Familie

Zugegeben, wo da jetzt der Toleranz-Aspekt steckt, das habe ich mich schon ein wenig gefragt. Sicher ist es ungewöhnlich, dass eine ältere, alleinstehende Frau zu einer Familie zieht, mit der sie weder „verwandt, noch verschwägert“ ist, statt in ein Altersheim o.ä. Noch dazu hat die Familie hier in dem Film einen Migrationshintergrund – sollte es darum gehen? Es wird nicht so ganz klar. Denn Toleranz braucht man grundsätzlich in jeder Situation, in der man mit anderen Menschen zusammenlebt, die naturgemäß auch andere Meinungen haben als man selbst. Aber dieser Film ist vor allem empfehlenswert wegen seiner Protagonistin. Am Ende der Sendung habe ich bloß gedacht: So alt werden zu können wie diese Frau, das wär’s. So reflektiert zu sein, so rüstig, mit so vielen Erfahrungen und auch im hohen Alter noch so selbstständig sein können.

Ich belasse es hier jetzt mal bei diesen zwei Sendungen, werde aber nachfolgend auch noch einige nennen, die mir persönlich nicht gefielen.

Toleranz? Akzeptanz? Klar ist, die ARD hat sich um Vielfalt bemüht und das ist ihr gelungen. Viele verschiedene Themenbereiche werden angeschnitten, viele große Themen wiederholen sich naturgemäß in einigen Sendungen: Homosexualität, Asylbewerber/Flüchtlinge, Rassismus, Behinderungen… Und das ist auch gut so, denn das alles sind Aspekte, die zu unserer Gesellschaft dazu gehören.

Nur: Manchmal wirkt es ein wenig oberlehrerhaft, manchmal ist es auch einfach schlecht gemacht, wenn über diese Gruppen berichtet wird. In der ARD-Reportage „Steh zu Dir“ wird unter anderem ein schwuler junger Mann porträtiert, der in München seine Sexualität offen auslebt, unter seinen Freunden im Heimatdorf aber als heterosexuell gilt. Es werden Fotos und Videos von ihm auf dem Christopher Street Day gezeigt, die Erzählerstimme aus dem Off meint dazu: „In seinem Heimatdorf gibt es keinen CSD“ – in einem Tonfall, der nur schwerlich etwas anderes als herablassend bezeichnet werden kann. Ähnliche Kritik kann man an der Doku „Schluss jetzt! Emin will Streitschlichter werden“ des rbb üben. „Nur ein bisschen anders“ von Einsfestival ist viel zu oberflächlich, die Doku ist lediglich 14 Minuten lang und schafft es nicht, dem Zuschauer das Asperger-Syndrom in mehreren Facetten zu offenbaren, als nur der, dass Asperger-Autisten eben „ein bisschen anders“ sind. Den Film „Im freien Fall“ habe ich ja ebenfalls schon kritisiert.

Vieles ist vorhersehbar oder selbsterklärend. Carolin Ströbele schreibt in der ZEIT, „Toleranz, das betont auch die ARD pausenlos in ihren Chats, soll gerade nicht als Erdulden andersartiger Meinungen und Lebensstile definiert werden, sondern als Verschiebung oder Erweiterung des eigenen Blickwinkels“ (Bilanz der Toleranz). Ist Toleranz denn dann überhaupt das richtige Wort für das, was dort erreicht werden soll? Toleranz kommt vom lateinischen tolerare und das bedeutet eben genau ertragen, erdulden. Wäre der Begriff der Akzeptanz da nicht viel angebrachter?

Genau das fordert Christiane Link in ihrem Blog-Artikel „Programmdekade Akzeptanz statt Themenwoche Toleranz“ bei ZEIT.online. Sie ist seit kurz nach ihrer Geburt querschnittsgelähmt und sitzt im Rollstuht und bezieht sich in ihrem Artikel größtenteils auf die Gruppe der Menschen mit Behinderung, jedoch kann man das, was sie schreibt, problemlos auch auf alle anderen Gruppen übertragen, die angeblich Toleranz erfordern. „Dabei geht es bei dem Umgang mit behinderten Menschen nicht um Toleranz, sondern um Akzeptanz. Ich möchte nicht irgendwo geduldet werden, ich möchte willkommen sein. Es muss normal sein, dazuzugehören.“

Außerdem, und das würde ich voll und ganz unterschreiben, ist sie der Meinung, eine Themenwoche sei der falsche Ansatz und zeige eigentlich nur, wie wenig diese Themen im ganz alltäglichen Programm auftauchen. Kontinuierliche, dauerhafte Berichterstattung über all die oben genannten Gruppen von Menschen, wann immer es einen aktuellen Anlass gibt und einfach so zwischendurch, das würde jegliche Themenwoche überflüssig machen und die Themen stattdessen eindrücklicher und nachhaltiger in den Köpfen der Menschen verankern und vermutlich mehr bewegen, als eine Woche lang geradezu überschwemmt zu werden mit Sendungen zu diesem Thema und es danach gleich wieder aus dem Gedächtnis zu streichen.

Für mehr Toleranz, mehr Akzeptanz im Alltag und auch im Alltag der (öffentlich-rechtlichen) Rundfunkprogramme.

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