Ein Interview über ein Interview: Mertesacker und Büchler

Ich habe noch keinen Jahresrückblick gesehen bisher und ich habe auch nicht vor, das noch zu ändern. Ich finde diese Shows, die man im Dezember auf so ziemlich jedem Sender findet und auf manchen sogar mehrfach, in der Regel einfach nervig. Und überflüssig. Und man weiß doch sowieso, welche Themen dort vorkommen. In diesem Jahr dürfte die Weltmeisterschaft und der damit verbundene Titel wohl großen Raum einnehmen. Und dabei auch ein ganz bestimmtes Interview, nämlich das von Boris Büchler mit Per Mertesacker nach dem Achtelfinalspiel gegen Algerien.

Ich habe in meiner WM im Web-Reihe im Juli dieses Interview kurz thematisiert. Ich schrieb dort, ich sei mir sicher, dass er schon in dieser Stimmung und so geladen gewesen war, bevor das Interview anfing, dass er sich innerlich selbst über das Spiel noch ärgerte. Ich war der Meinung, dass er sich anders hätte verhalten können und Büchler bloß die richtigen kritisichen Fragen gestellt hat, die ich an dieser Stelle erwarte.

Die ZEIT hat nun Büchler und Mertesacker zusammengebracht und diskutiert in einem Interview mit den beiden über eben jenes Interview. Witzig finde ich daran zuerst einmal, dass Mertesacker und Büchler genau meine Eindrücke bestätigen; Mertesacker sagt, er sei völlig platt gewesen und habe natürlich genau gewusst, dass das Spiel nicht gut war, Büchler sagt, Merte habe vor Wut vor dem Interview in eine Werbebande getreten, war also schon „in diesem Aggregatzustand“, bevor das Interview überhaupt begonnen hatte.

Interessant ist dieses Gespräch aber vor allem, weil man ein wenig mehr darüber erfährt, wie das eigentlich so abläuft in der Mixed-Zone nach einem Spiel. Beziehungsweise schon während des Spiels. Die Reporter müssen nämlich, jedenfalls bei einer WM, bis zur 70. Minute bei der FIFA anmelden, mit wem sie sprechen wollen, das hätte ich so gar nicht erwartet. Ich war immer der Meinung, die Spieler gehen da durch und wer „Lust und Zeit hat“, bleibt halt für ein Interview stehen.

Interessant ist es, weil sich beide insoweit „einsichtig“ zeigen, als dass sie sagen, keiner von ihnen hatte Recht. Büchler erklärt, seine Frage habe „wenig Charme“ gehabt, aber er hat in diesem Fall nur 90 Sekunden Zeit und will nun einmal dem Zuschauer zuhause etwas inhaltsvolles präsentieren. Mertesacker sagt, Büchler hatte sicher den objektiveren Blick, steht aber dazu, und das finde ich wiederum auch stark, wie er damals geantwortet hat.

Interessant ist es, weil man ein wenig mehr über das Miteinander von Reportern und Spielern erfährt. Dass sich Büchler und Mertesacker privat und seit Mertesackers Rücktritt aus der Nationalmannschaft auch öffentlich duzen, dass Büchler Mertesacker sehr schätzt, weil er sich gut ausdrücken kann. Büchler erklärt auch ein wenig, wie er Interviews führt: “ Ich mache konfrontative Interviews nicht mit Leuten, die 21 sind und in ihrem ersten Länderspiel ein Eigentor geschossen haben. Da wäre ich ja ’ne arme Wurst. Ich rede so mit Per, weil wir rhetorisch gleich stark sind.“ Und er übt ein wenig Kritik an „Medienjournalisten“, wie er sie nennt, die sich über die inhaltsleeren Fragen der TV-Reporter am Spielfeldrand beschweren. Was er an der Stelle sagt, nehme auch ich mir in gewisser Weise an, die ich mir auch oft sinnvollere, kritischere Fragen wünsche – vielleicht ohne zu bedenken, dass die Spieler, die gerade 90 Minuten auf dem Platz gestanden haben, gar nicht unbedingt in der Lage sind, komplizierte Fragen zu durchdringen und angemessen zu beantworten, weil sie erst einmal in den „Gesprächsmodus“ umschalten müssen.

Interessant ist das Interview, weil es in gewisser Weise eine Metaebene darstellt, auf der über die Interviewkultur im Fußball gesprochen wird. Zwei sympathische Herren, die auch damit leben könnten, wenn ihnen dieses gemeinsame Interview nun bis an’s Ende ihrer Tage anhängt. Sehr lesenswert und auf jeden Fall empfehlenswerter als der dreißigste Jahresrückblick!

© Sebastian Arlt

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