Die Mannschaft – Die PR des DFB

Heute vor einer Woche, am 2. Januar, lief zur besten Sendezeit um 20.15 Uhr „Die Mannschaft“ im Ersten. Im Vorfeld konnte man ja schon einiges über den Film erfahren, im Kino konnte man ihn anschauen und an dem Trailer, mit Thomas Müller im Dirndl, kam auch niemand so wirklich vorbei. Ich habe den Film auch gesehen. Und meine Meinung deckt sich mit der vieler Journalisten, die bereits nach der Kinopremiere am 10. November ihr Urteil über den Film gefällt haben.

Der Film ist nix weiter als PR. Von einem Dokumentarfilm kann man hier nicht einmal mehr sprechen – denn ein Dokumentarfilm hat das Ziel, die Zuschauer zu informieren, Wissen zu verbreiten. In „Die Mannschaft“ erfährt man nichts, was man nicht schon wusste und nichts, das man sich nicht auch hätte denken können. Auch als Porträt würde ich den Film nicht bezeichnen wollen, denn ein Porträt bedeutet für mich, alle Seiten einer Person oder eben einer Mannschaft zu beleuchten. Auch das schafft der Film nicht. Das Ziel dieses Films kann einzig und allein lauten, den Zuschauer noch einmal einzulullen in die „Wir sind Weltmeister“-Stimmung vom Juli und sich selbst, also die FIFA, den DFB und eben die Männer-Nationalmannschaft so positiv wie nur irgend möglich darzustellen.

Das nennt man auch Imagefilm. Oder eben PR. Schade nur, dass diese PR-Aktion nur diejenigen begeistert,  die sowieso von der Mannschaft begeistert und noch völlig vom „Weltmeister“- und „4gefühl“ beseelt sind – den Rest nervt sie nur noch. Und nervig sollte PR nun wirklich nicht sein.

In „Die Mannschaft“ sieht man: Busszenen. Fährszenen. Kabinenszenen. Spielszenen. Trainingsszenen. Im Grunde ist es eine Aneinanderreihung der Videos, die man schon während der WM auf DFB-TV sehen konnte. Teilweise wirken diese Szenen wirklich einschläfernd, es hätte mich nicht gewundert, auch das Video der Darts-spielenden Durm und Ginter dort zu finden, das an Unverbindlichkeit und Eintönigkeit wirklich kaum noch zu überbieten ist.

Unterbrochen werden diese Sequenzen von mehr oder weniger informativen oder erheiternden Interviews mit „rein zufällig“ ausgewählten Personen. So kommen dort die „Schönredner“ (man könnte, weniger nett, auch Laberköpfe sagen) zu Wort wie Löw, Bierhoff und Müller, diejenigen, die man „von Amts wegen“ bzw. wegen ihrer Rolle in der Mannschaft interviewen muss, so Lahm, Khedira, Schweinsteiger und diejenigen, die wegen bestimmten Situationen während der WM auch mal im Fokus standen, Mertesacker und Kramer. Alles in allem also die üblichen Verdächtigen. Warum fragt man nicht einen Kevin Großkreutz oder Erik Durm, wie sie die WM von der Bank aus erlebt haben, einen Mario Götze, was in ihm vorging, als er nach dem Finalspiel mit Reus‘ Trikot über den Rasen lief.

A propos Reus: Groß war der Jammer, als er sich am Tag vor der Abreise verletzte und so die WM verpasste (und ja, das war wirklich ein Jammer). Groß waren die Beteuerungen, er gehöre trotz allem zur Mannschaft, er sei auch mit Weltmeister geworden. Genauso, wie davon mittlerweile nix mehr zu hören ist (Zitat aus einem Artikel auf dfb.de: „7 Weltmeister und Reus“), kommt seine Verletzung, kommt die ganze Person Reus in dem Film nicht einmal vor. Der Unfall bei der Werbeaktion mit Mercedes im Trainingslager in Südtirol wird immerhin thematisiert, aber nur ganz kurz, wohl genauso kurz, wie man damals der Mannschaft Zeit gelassen hat, sich damit zu beschäftigen, denn, so Bierhoff, man durfte sich dadurch jetzt auch nicht zu sehr aus der Konzentration rausbringen lassen. Sind ja auch bloß zwei Menschen schwer verletzt worden, was ist das schon gegen eine Fußball-WM. (Sind diese Personen, ist der Unfall eigentlich in den Medien später noch einmal thematisiert worden? Wie geht es den Menschen jetzt, haben sie in irgendeiner Weise eine „Entschädigung“ oder ähnliches bekommen?)

Überhaupt Bierhoff. Bierhoff bestimmt und dominiert den ganzen Film und lässt keinen Zweifel daran, welch großen Anteil er an dem Erfolg der Mannschaft hatte. Er hat das Campo Bahia erdacht, an diesem Fleck, wo, aber das wird natürlich nicht erwähnt, Dörfer versetzt bzw. abgeriegelt und Regenwald abgeholzt wurde, um das Luxus-Camp und einen Trainingsplatz aus dem Boden zu stampfen. Aber es war ja so wichtig, es hat den Teamgeist gefördert, man hat da genau die richtige Entscheidung getroffen. Auf der anderen Seite beklagt er die Reisestrapazen, der die Spieler ausgesetzt waren. Nun ja – vielleicht hätte man doch keinen so abgelegten Ort wählen müssen!?

Bierhoff war es auch, der vor nicht allzu langer Zeit in einem Interview mit der WELT die ständige Selbstdarstellung einiger Spieler mit Selfies und Profilen in Sozialen Netzwerken beklagte. Er finde das übertrieben und überflüssig. Was ist „Die Mannschaft“ anderes als Selbstdarstellung, als Selbstinszenierung? Bierhoff erklärt, „Die Mannschaft“ sei noch authentischer, noch näher dran als das „Sommermärchen“ von Sönke Wortmann 2006. Für mich gab es genau zwei authentische Momente, wo ich mich ansatzweise „nah dran“ gefühlt habe. Das war der Moment, in dem Kramer, nicht schön, aber selten, auf der Fähre „When You Say Nothing At All“ anstimmt. Und das waren die Feier-Szenen im Bus und im Hotel nach dem Finalsieg. Alles andere hatte man, so oder so ähnlich, im „Sommermärchen“ doch auch schon gesehen und Szenen, wie diese hier aus dem Sommermärchen, eher private Aufnahmen, aus der Freizeit, von den Abenden, gibt es quasi fast nicht. Auch die Momente, wo es nicht so glatt gelaufen ist, die wären interessant zu sehen: Nach dem Unentschieden gegen Ghana, wie war da wohl die Stimmung? Oder dem katastrophalen Achtelfinal-Spiel gegen Algerien. Mertesackers Interview kennen wir alle schon, wie sah es denn beim Rest der Mannschaft aus? Das hätte ich gerne gesehen, das wäre authentisch gewesen, auch die weniger glanzvollen Momente zu zeigen. Aber so, nah dran? Da habe ich mich „näher dran“ gefühlt, wenn ich Podolskis Aktivitäten bei Twitter und Instagram verfolgt habe.

Der Film ist von der DFB und der FIFA – und natürlich zensiert. Sagt Lukas Podolski. Und wenn ich sehe und höre, wie der Schweinsteiger rumdruckst, als er erklärt, warum er in der Szene am Pool Blatter für die Vergabe der WM nach Brasilien dankt, dann frage ich mich, wie viel davon echt ist und ob ihm da nicht eher Worte in den Mund gelegt wurden, um eine Szene zu erklären, die der FIFA sicherlich gut gefällt, die aber vielleicht auch völlig anders oder einfach gar nicht ernst gemeint war. Dass bei der Feier nach dem Titelgewinn die Chefs der beiden größten Sponsoren, von adidas und Daimler, dick im Bild auftauchen, überrascht da schon gar nicht mehr.

Dieser Film ist nicht authentisch. Er ist auch nicht nah dran. Er ist PR, ein Imagefilm, nicht einmal besonders gut gemacht, und er gefällt sicher all denen gut, die sich ein Stück „Weltmeisterstimmung“ zurückholen wollen. Ich finde, es darf jetzt dann auch mal Schluss sein – mit der Weltmeisterstimmung und dem Weltmeistergerede, den immer gleichen Jubelbildern aus Rio und Berlin. Und mit dem einfach nur noch nervigen „Auf Uns“ von Andreas Bourani, der WM-Hymne, die in dem Film natürlich auch nicht fehlen darf.

Falls ihn jemand verpasst hat oder noch einmal sehen möchte:
10. Januar, 18.25 Uhr, ARD
11. Januar, 22 Uhr, rbb
11. Januar, 23.30 Uhr, NRD
Nicht in der ARD-Mediathek.

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Ein Kommentar zu „Die Mannschaft – Die PR des DFB

  1. Ähnliches habe ich von anderen Personen auhc gehört. Selbst habe ich mich bisher ganz gut an all den Werbewegen des DFB vorbei bewegt, bin nun aber, besonders wegen der negativen Resonanz sehr interessiert, ihn mir doch mal anzuschauen :)

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