Was dürfen Medien – in Krisensituationen?

Ein Mann betritt mit einer Waffe und einer Tasche voll Dynamit ein Museum und nimmt die sich dort befindende Museumsdirektorin, eine Schulklasse samt Lehrerin und einen Reporter als Geiseln. Der Reporter berichtet live aus dem Museum von der Geiselnahme, er führt ein Exklusivinterview mit dem Geiselnehmer für seinen Fernsehsender durch, wird Berater des Geiselnehmers und Mittler zwischen ihm und der Polizei, die vor dem Museum Stellung bezogen hat. Am Ende kann er den Täter zwar überreden, die Schulklasse frei zu lassen, doch als bis auf den Geiselnehmer alle das Museum verlassen haben, sprengt dieser sich und das Museum in die Luft.

Paris. Zwei Attentäter haben sich in einer Druckerei verschanzt und eine Geisel genommen. Ein anderer Täter ist in einen jüdischen Supermarkt eingedrungen und hat 17 Geiseln genommen. Ein Fernsehsender ruft in der Druckerei an, führt ein Gespräch mit einem der Täter und zeichnet dieses auf. Einige Stunden später ruft der Täter aus dem Supermarkt den Sender an, das Gespräch wird ebenfalls aufgezeichnet. Ein Radiosender ruft in dem Supermartk an und spricht mit dem Täter. Keines der Gespräche wird live übertragen, bei den Zugriffen der Polizei auf die beiden Tatorte sterben alle drei Geiselnehmer.

Das eine ist Fiktion, das andere Realität. Parallelen? Ich für meinen Teil habe mich am Freitagabend, als nach und nach bekannt wurde, dass diese Gespräche zwischen Journalisten und Tätern stattgefunden haben, ein wenig an den Film „Mad City“ erinnert gefühlt.

Was dürfen Medien in solchen Ausnahme-, in Krisensituationen? Igor Sahiri, der Journalist, der den Anruf in der Druckerei tätigte, sagt, er habe nur seine Arbeit gemacht, habe das getan, was die Mehrheit der Journalisten in dieser Situation getan hätten. Sahiri sagt, er habe angerufen in der Hoffnung, eine der Geiseln zu sprechen, vielleicht den Besitzer der Druckerei. Meiner Meinung nach macht es das auch nicht besser. Wenn das geklappt hätte, wie hätte der Sender dann reagiert? Hätte man dieses Gespräch eventuell live oder noch während der Geiselnahmen gesendet?

Coulibaly, der Täter aus dem koscheren Supermarkt, rief bei BFM TV an, weil er mit der Polizei sprechen wollte, antwortete aber dennoch ruhig auf die Fragen des stellvertretenden Chefredakteurs, Alexis Delahousse, der das Gespräch angenommen hatte.

Ist das vertretbar? Ist es okay, wenn Medien ihre Beobachterposition verlassen und Kontakt aufnehmen zu beteiligten Personen, sich damit ein Stück weit in die Situation hineinbegeben?
Natürlich ist das nicht vergleichbar mit „Mad City“ (Fiktion!) oder auch der Geiselnahme von Gladbeck 1988. BFM TV und Radio RTL haben in diesem Fall weder den Gegenstand ihrer Berichterstattung selbst (mit-)inszeniert, noch haben sie die Polizeiarbeit behindert. (Eher im Gegenteil: Nach dem Anruf von Radio RTL legte Coulibaly den Hörer nicht richtig auf, sodass die Polizei mithören konnte, was in dem Supermarkt vor sich ging.) Die Gespräche wurden erst nach dem Ende der Geiselnahmen und nur in Ausschnitten veröffentlicht.

Dennoch: Die Distanz zwischen den Berichterstattern und den in die Situation involvierten, ob Täter oder, wie von Sahiri beabsichtigt, Opfern, wurde verringert, jetzt im Nachhinein wird mit der Exklusivität dieser Gespräche Quote gemacht. Die Sender sind in aller Munde, weil sie am dichtesten dran waren, weil sie diese sensationellen Aufnahmen haben – und keiner scheint sich wirklich Gedanken darum zu machen, ob das in Ordnung ist.

Ich finde nicht. Auch wenn, soweit ich das beurteilen kann, kein Schaden daraus entstanden ist, meine ich, es steht den Medien schlicht nicht zu, sich auf diese Weise in das Geschehen einzumischen und davon zu profitieren, sich damit zu profilieren. Die Medien sind die 4. Gewalt, sie sollen eine Beobachtungsfunktion ausüben und an der öffentlichen Meinungsbildung mitwirken bzw. diese ermöglichen, sie sollen distanziert bleiben. Sie sollen nicht über Gebühr Profit schlagen aus Krisen und Konflikten.

Kriege, Krisen und Konflikte entsprechen in idealer Weise den Nachrichtenfaktoren, sie haben einen hohen Nachrichtenwert. Natürlich wird intensiv darüber berichtet, wenn Ereignisse wie die Attentate in Paris stattfinden, und natürlich ist das wichtig und richtig so. Der Punkt ist jedoch, in welcher Weise die Berichterstattung geführt wird. Sicher gibt es auch andere Aspekte, die wichtiger erscheinen mögen oder auch tatsächlich wichtiger sind als zwei Rundfunksender, die im Nachhinein Gespräche mit den Tätern veröffentlichen. Aber ich meine, dass die Frage nach dem, was Medien dürfen und wie sie sich verhalten sollten, nicht zu vernachlässigen ist und vor den tragischen Geschehnissen der letzten Tage in Paris durchaus mal eine Betrachtung wert ist.

 

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