Was ist Pegida? – Rassismus als Symptom?

„Wir sind das Volk.“

Wirklich? Seit einiger Zeit gibt es Demonstrationen in verschiedenen Städten Deutschlands, die diesen Satz vor sich her tragen. Pegida und ihre Ableger demonstrieren jeden Montag gegen „die Islamisierung des Abendlandes“ und meinen damit eigentlich nur eins: Ausländer raus.

Wir müssen die Sorgen der Bürger ernst nehmen, heißt es dazu aus Politikerkreisen. Welche Sorgen? Das ist Rassismus. Nicht mehr und nicht weniger und den will ich nicht ernst nehmen, denn das hieße, dass man diesem Rassismus eine gewisse Daseinsberechtigung gewährt. So denken wohl viele, so war/ist auch meine Meinung und so bringt es auch Sebastian Weßling auf den Punkt.

Auf mehrfache Empfehlung habe ich gestern dann einen Podcast gehört: In „Pegida – Fremdenhass als Symptom“, einem Podcast von Holger Klein und Thomas Brandt, wird das Phänomen Pegida differenzierter aufgeschlüsselt und eine Analyse versucht. Die Kernaussage ist: Natürlich ist Rassismus nicht zu dulden und natürlich ist Pegida nicht zu unterstützen. Aber Pegida ist nicht nur Ausdruck von Rassismus, sondern bei einem Teil der Demonstranten auch Ausdruck von mangelndem oder schwindendem Vertrauen in die Politik, Ausdruck eines immer unsozialer werdenden Sozialstaates, in dem immer mehr Menschen sich (zurecht) schlecht bzw. ungerecht behandelt fühlen, Ausdruck von mangelhafter Medienkompetenz.

Das macht es selbstverständlich nicht besser, aber das macht einen Unterschied. Wenn Rassismus und Fremdenhass (unter anderem, leider gibt es natürlich auch „echte“ Rassisten unter den Pegida-Demonstranten, Rechte und Nationalsozialisten, die schlicht keine Ausländer in Deutschland haben wollen) „nur“ Symptom für Unzufriedenheit in anderen Bereichen sind, Symptom dafür, dass es Menschen an etwas mangelt, dann kann man diese Menschen nicht als Rassisten abstempeln, auslachen und Rassismus verurteilen. Beziehungsweise, natürlich kann man das, aber es löst das Problem nicht. Das kann nur dann gelöst werden, wenn man die Ursachen bekämpft und nicht nur das Symptom Rassismus.

Beispiele gefällig? Die gibt es zuhauf in dem auch in dem Podcast mehrfach erwähnten Panorama-Beitrag, in dem Pegida-Demonstranten zu Wort kommen und von ihren Sorgen berichten, erzählen, wofür sie einstehen. Ein Mann erzählt, er habe Enkelkinder in Köln. „Da wird in der 4. Klasse noch so geschrieben, wie gesprochen wird.“ Da hat er Recht mit (wobei, in der 4. Klasse vielleicht nicht mehr!?) und fügt, als die von ihm zusammengesponnene Erklärung dafür, an: „Nur, damit die Ausländer nicht auffallen.“ Das ist eigentlich lustig, weil es schlicht und einfach falsch ist – wenn nicht aus dieser Sichtweise Ressentiments gegen Ausländer erwachsen würden.

Ein anderer sagt: „In Dresden sollen 14 neue Asylbewerberheime gebaut werden. Wo sind denn die 14 neuen Kindergärten, die auch dringend gebraucht werden?“ In gewisser Weise hat auch er Recht. Was ist hier das Problem? Wohl nicht in erster Linie, dass er gegen die Asylbewerber(heime) ist. Sondern, dass seiner Ansicht nach diese Heime anstelle von Kindergärten gebaut werden. Ob das so ist, kann ich nicht beurteilen, schon gar nicht für Dresden. Aber man kann zumindest mutmaßen, sollte das stimmen, dass da wohl von Seiten der Entscheidungsträger nicht klar (genug) kommuniziert wurde, warum Heime gebaut werden und Kindergärten nicht. Warum man nicht beides bauen kann, wenn beides nötig ist.

Das alles soll auf keinen Fall Pegida salonfähig machen, die Demonstranten in Schutz nehmen und die Schuld auf andere abwälzen. Das tut auch der Podcast nicht. Es geht nur darum, dass man Pegida differenzierter betrachten muss, um zu verstehen, was dahinter steckt. Und verstehen muss man es, um dann wiederum wirksam etwas dagegen tun zu können. Das soll jetzt auf der anderen Seite aber auch nicht heißen, dass ich nach dem Hören des Podcasts nun den Text von Sebastian Weßling total daneben finde. Denn, ich wiederhole mich, die „echten“ Rassisten, die gibt es auch zuhauf, gewaltbereite und rechtsextreme Demonstranten, und auf die zielt der Text ab. Aber das ist „nur“ ein Teil dieser Mischung, die Pegida ausmacht – allerdings der Teil, den auch die Medien stark fokussieren. Vermutlich auch der gefährlichste Teil.

Genau das ist es, was ich so schwierig an der ganzen Sache finde. Selbstverständlich bin ich gegen Rassismus und Ausländerfeindlichkeit, finde ich Pegida in seiner Gesamtheit völlig daneben. Aber darunter sind eben auch Leute, deren eigentliche Sorgen in gewisser Weise berechtigt oder nachvollziehbar sind. Und die sich auf der anderen Seite doch auch wieder selbst diskreditieren, wenn sie unter dem Mantel der Pegida und damit Seite an Seite mit Rassisten und Rechtsextremen auf die Straße gehen.

Beim Schreiben dieses Posts habe ich wieder gemerkt, warum hier sonst eher selten politische Themen auftauchen. Am liebsten würde ich mich nicht positionieren, die Augen davor verschließen. Aber das geht nicht. Daher hier mein Versuch und daher würde ich mich an dieser Stelle erst Recht über Kommentare und Meinungen freuen.

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