Meinungsfreiheit vs. Stallorder

In diesen Tagen wird in ganz Europa über die Meinungsfreiheit diskutiert. Wie wichtig sie ist und dass man sie verteidigen muss. Nach dem Attentat auf die Redaktion der Zeitschrift Charlie Hebdo in Paris heute vor einer Woche wurden allerorts Schilder mit der Aufschrift „Je suis Charlie“ präsentiert, auch auf Facebook und Twitter wurde dieser Spruch als Hashtag wohl bald millionenmal geteilt. Um sich zu solidarisieren mit den Machern der Zeitschrift und um für Meinungsfreiheit einzustehen.

Auch der FC Bayern postete ein Bild mit der Aufschrift „Je suis Charlie“. Gesendet aus Doha, Katar, was ja schon für die ersten belustigten Kommentare sorgte. Katar, Menschenrechte und so….
Am Montag dann fand die Verleihung des Ballon D’Or für den Weltfußballer des Jahres statt. Nominiert waren Cristiano Ronaldo, Lionel Messi und Manuel Neuer. Und genau in dieser Reihenfolge haben sie abgeschnitten, Neuer landete also auf dem 3. Platz.

Stimmberechtigt bei der Wahl zum Weltfußballer sind Trainer und Kapitäne der Nationalmannschaften sowie ausgewählte Journalisten. Und da ist nix mit geheimer Wahl, die komplette Liste, wer wen gewählt hat, wird hinterher von der FIFA veröffentlicht.
Und siehe da, Aufschrei, Robert Lewandowski hat, als Kapitän der polnischen Nationalmannschaft, seinen Teamkollegen Manuel Neuer nur auf Platz zwei hinter Cristiano Ronaldo gewählt.

Natürlich wurde das ganz schnell publik. Natürlich ist die Wahl eine freie Wahl, also jedenfalls in der Theorie. In der Praxis sieht das dann wohl doch des Öfteren so aus:
https://twitter.com/infosmessi/status/554700179031343104

So weit so gut. Ist doch schön, wenn Lewandowski dieser „Stallorder“ (der Begriff wurde gestern auf Twitter geprägt und ich finde ihn überaus passend) nicht gefolgt ist und stattdessen objektiv gewählt hat (zumindest einigermaßen objektiv). Ja, schön – nur die Bayern finden das nicht so klasse.
Gestern Mittag gab es dann einen Bericht im Kicker, laut dem Lewandowski gesagt haben soll, er bereue die Wahl von Ronaldo, das sei ein Fehler gewesen. Jetzt würde er ganz klar Neuer wählen.

Nanu? Bereut er das wirklich selbst oder „wird er bereut“? Eigentlich ist Lewandowski kein Typ, der zu seinen einmal getroffenenen Aussagen und Entscheidungen nicht auch später noch steht.
Es folgte der Auftritt von Matthias Sammer, der dann doch recht deutlich klar macht, wie viel man bei den Bayern tatsächlich von Meinungsfreiheit hält: „Wir haben darüber gesprochen, er hat es ja auch öffentlich schon korrigiert, dass er Manuel als Nummer eins sieht. Dementsprechend ist das auch okay“ (laut Sport1). Lewandowski habe unüberlegt gewählt, zwischen Tür und Angel. Also quasi aus Versehen. Aber weil er in Wahrheit ja Neuer als Nummer eins sieht, verzeihen wir ihm das mal. Was anderes als diese Sichtweise kommt ja sowieso nicht in Frage.

Auftritt Lewandowski: Gestern Abend auf Twitter schrieb er auf polnisch: „Ich bin mir bewusst, wen ich gewählt habe. Und dafür werde ich mich nicht entschuldigen!“ Und sein Berater erklärte, Lewandowski sei falsch zitiert worden, es wäre eine Frechheit, was der Kicker sich da erlaubt habe.

Man könnte lachen, wenn es nicht irgendwo doch auch traurig wäre. So viel also von Seiten der Bayern zur hoch gelobten und stark diskutierten Meinungsfreiheit. Die unterstützt man zwar – aber doch bitte nicht in den Reihen des eigenen Teams, da wird bitte nur schön das gedacht, was einem von oben vorgesetzt wird.

Fazit? Lächerlich.

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