„Überleben im Alltag“ als Schulfach?

In der letzten Woche machte eine Schülerin aus Köln mächtig Furore – mit zwei Tweets, in denen sie beklagt, in der Schule nicht das zu lernen, was sie später im eigenständigen Leben wirklich braucht und wissen sollte.

https://twitter.com/nainablabla/status/553881334813560832

https://twitter.com/nainablabla/status/553883004893138945

Naina ist 17 und Schülerin in Köln. Mit diesen Tweets ist sie quasi über Nacht berühmt geworden – der erste Tweet wurde 24 000-mal geteilt (Stand: Mittwochabend) und mittlerweile hat sie 13 200 Follower auf Twitter – das schafft eine unbekannte Privatperson nicht mal so eben. Sogar Politiker beschäftigen sich jetzt mit dem Tweet und ihrer Forderung nach mehr „überlebensnotwendigem“ Wissen in der Schule.

Aber mal ehrlich: Dass man in der Schule Dinge lernt, die man später nicht mehr braucht, ist ja keine neue Erkenntnis. Ich habe in der Schule viel gelernt: Einiges davon war interessant und hat mir Spaß gemacht, anderes nicht, einiges hat mein Allgemeinwissen bereichert und vieles andere habe ich seit dem Abitur nie wieder wissen und/oder anwenden müssen. Aber wenn es danach geht, kann man sich die Oberstufe auf dem Gymnasium auch gleich sparen. Nicht umsonst enden Haupt- und Realschullaufbahnen nach der 10. Klasse. Da hat man alles wichtige auf Englisch und Französisch gelernt, kann sich auf Deutsch einigermaßen ausdrücken und beherrscht die Grundrechenarten sowie die Potenzrechnung und Wurzelziehen. Und nein, mehr braucht man nicht, im ganz normalen Alltag.
Aber wer auf ein Gymnasium geht, der sollte nicht erwarten, dort alltagstaugliche und praktische Dinge zu lernen, genauso, wie man auf einer Universität keine praxisnahen Veranstaltungen erwarten kann. Dafür sind überwiegend die Fachhochschulen zuständig und vorher eben bspw. Berufsschulen oder spezielle Gymnasien, wie das Wirtschaftsgymnasium.

„Nicht für die Schule lernt man, sondern für das Leben“. Wie oft Schüler wohl diesen Satz zu hören bekommen? Und natürlich kann man sich da fragen, wann im Leben man je wieder eine Gedichtsinterpretation auf Französisch machen muss. Wohl gar nicht, wenn man nicht grade Französisch-Lehrer oder Romanistik-Dozent werden möchte. Aber es geht auch viel weniger um das Lernen konkreter Dinge, sondern um das Lernen an sich. Das Gymnasium ist darauf ausgerichtet, seine Schüler zu befähigen, später ein Universitätsstudium absolvieren zu können. Dabei geht es nicht darum, Matrizen lösen zu können oder möglichst viele Geschichtsdaten auswendig zu kennen. Sondern den Intellekt anzuregen und auszubilden, um sich dann selbstständig andere Dinge erschließen zu können.

Und dazu gehören eben auch so Alltagsdinge wie Steuern, Miete oder Versicherungen. Wobei ich fünf Jahre älter bin als Naina und von Steuern immer noch keine Ahnung habe. Warum? Weil ich das noch gar nicht muss. Als Student muss man nämlich gar keine Steuern zahlen. Ich habe diese praktischen Dinge auch nicht in der Schule gelernt. Aber ich bin bisher immer mit offenen Augen und Ohren durch die Welt gegangen. Bei uns wird sowas auch mal beim Essen am Küchentisch in der Familie diskutiert. Dann bin ich in eine schon bestehende WG gezogen und musste mich auch erstmal um nix kümmern. Dann habe ich diese WG quasi übernommen und musste das dann doch tun – aber nicht auf mich allein gestellt, denn meine Eltern haben mich unterstützt. Haben mit mir Strom- und Gasversorger ausgewählt, mit mir eine Hausrats-Versicherung abgeschlossen. Online-Banking habe ich von und mit ihnen gelernt (schon viel früher), Kochen und Waschen, Putzen und Bügeln kann ich auch – ohne dass ich darin je Unterricht gehabt hätte. Es kam einfach so.

Learning by doing und lernen mit Unterstützung der Eltern. Man bekommt doch so viele Dinge ganz nebenbei einfach mit. Und ansonsten finde ich schon, dass man von einem Abiturienten verlangen kann, sich selbst über Dinge, von denen er noch nichts weiß, zu informieren. Zu erwarten, dass einem die Schule das abnimmt, dass man es dort in Unterrichtsform präsentiert bekommt, finde ich dagegen eher fast schon anmaßend. Ein gewisses Maß an Eigenverantwortung und Eigeninitiative kann man doch wohl verlangen. Zumal ich gar nicht weiß, wo man, wo Schüler jetzt schon z.T. bis zu 36 Stunden pro Woche in der Schule verbringen und für Hobbys schon fast keine Zeit mehr bleibt, das noch im Lehrplan unterbringen soll.

Natürlich wird das jetzt auch seitens der Medien zu einem großen Thema gemacht. Spiegel Online bspw. hat „Schüler gefragt, was ihnen im Unterricht fehlt“. Als ich den Artikel gelesen habe, musste ich mich leider fremdschämen. Diese Schüler gehören mehr oder weniger meiner Generation an, wissen aber mit 17 oder 18 Jahren noch nicht, was IBAN und BIC sind oder wie man (online) eine Überweisung tätigt, kennen den Unterschied von EC- und Kreditkarte nicht, können nicht mit Geld umgehen und wollen all das im Unterricht lernen, fordern zusätzlich, dass die Schule sie bei „wichtigen Entscheidungen zur beruflichen Laufbahn“ unterstützt. Himmelherrgottnochmal, ich bin manchmal auch ganz schlecht im Entscheidungen treffen – aber ich weiß, dass mir das keiner abnehmen kann und ich erwarte das auch gar nicht! Wenn man diesen Artikel liest, kann man eigentlich nur zu dem Schluss kommen, dass diese Generation (ich will von ihr nicht als „meine“ Generation denken!) nicht zwingend dumm, sondern schlichtweg faul und zu bequem ist, ein wenig Eigeninitiative zu zeigen und sich zu informieren über Dinge, die man für wichtig zu wissen hält. Weil es natürlich viel bequemer ist, das in komprimierter Form in der Schule vorgesetzt zu bekommen.

Ja, Schule muss viel. Schule tut auch viel. Und genauso viel kann man an unserem Schulsystem auch kritisieren. Aber in diesem Fall geht mir das zu weit: Spätestens in der Oberstufe eines Gymnasiums sollten Schüler in der Lage sein, sich solches Alltagswissen, auf welche Weise auch immer, selbst zu beschaffen – was doch vor allem heute im Zeitalter des Internets so einfach ist wie noch nie. Unsere Eltern haben das auch nicht in der Schule gelernt und trotzdem haben sie’s wohl irgendwie hinbekommen. Ohne selbst Entscheidungen zu treffen, ohne selbst Verantwortung zu übernehmen und ohne vielleicht auch mal Fehler zu machen, kommt man nicht durch’s Leben. Und ja, das fängt schon in der Schulzeit an. Wem das jetzt schon zu viel ist, dem ist wohl schlicht nicht mehr zu helfen.

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Ein Kommentar zu „„Überleben im Alltag“ als Schulfach?

  1. Dass wir diese Meinung teilen, ist dir ja schon bekannt. Sehr gut zusammengefasst. Lernen in der Schule des Lebens, sag ich da nur.
    Übrigens: Auch als Französischlehramtsstudentin musste ich bisher noch nie ein Gedicht auf Französisch interpretieren :D

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