Wer oder was ist eigentlich ein Verein?

Gestern ist, aus einem Missverständnis (oder doch nicht?), auf Twitter eine kleine Diskussion entstanden und die fast schon philosophisch anmutende Frage: Wer oder was ist eigentlich ein Verein? In „Twitter-Gesprächen“ habe ich mich gestern der Antwort auf diese Frage schon zu nähern versucht, aber dabei ist auch klar geworden, dass das durchaus Material für einen Post hergibt. Also dann…

Wie nicht anders zu erwarten, ging es um den BVB. Sieht ja nicht allzu rosig aus in Dortmund momentan. Das hat am Mittwochabend nach Abpfiff zu einem Pfeifkonzert geführt, wie es wohl noch nicht häufig in diesem Stadion zu hören gewesen ist, und zu vielen Kommentaren. Auslöser waren diese beiden Tweets:

Die haben mich zum Nachdenken gebracht. Geht das, den Verein und die dort aktiven Personen so klar voneinander zu trennen? Zunächst schien es dann, als hätte ich die Tweets missverstanden, letztlich habe ich aber wohl doch eine andere Auffassung als der Urheber. Was wir dann letztlich beide erkannt und akzeptiert haben.

Deswegen ist dieser Post hier jetzt auch in keinster Weise negativ oder vorwurfsvoll gemeint. Ich finde das lediglich spannend. Denn für mich ist das so:

Borussia Dortmund (oder jeder andere Verein) ohne Menschen ist für mich ein leeres, abstraktes Gebilde, mit dem ich nix anfangen kann. Ich bin Fan vom BVB – aber das sind für mich die reellen Menschen. Der Verein und die Mannschaft sind quasi eins, ich kann das nicht trennen. Wenn man es etwas pathetisch ausdrücken möchte, könnte man sagen, mein Herz hängt an den Spielern, am Trainer, am Management – nicht an dem Wappen, an der Konstruktion „Borussia Dortmund“. Wenn jetzt 3/4 der Mannschaft den Verein wechseln würde, hinge mein Herz wohl deutlich weniger am BVB. Sollte der BVB absteigen (wovon ich noch immer nicht ausgehe), dann täte mir das nicht „um den BVB“ leid, sondern um die Menschen dahinter.

Die Spieler sind der Verein. Vermutlich auch mit ein Grund, warum ich meistens eine Zeit brauche, bis ich mit „Neuen“ „warmgeworden“ bin – die bringen da ja etwas durcheinander, „dringen ein“ in ein schon länger bestehendes Gebilde von verschiedenen Personen.

Aber diese andere Betrachtungsweise, die hat der Autor der oben zitierten Tweets ja nicht exklusiv. Die gibt es oft und immer häufiger dann, wenn es schlecht läuft. So jedenfalls meine Beobachtung. Im September haben Ultras des 1. FC Nürnberg, nach einem schlechten Start in die, Rückrunde die Spieler nach einer Niederlage gegen Karlsruhe gezwungen, ihre Trikots auszuziehen und an sie abzugeben. Sie seien nicht würdig, die Trikots des Clubs zu tragen. Schwatzgelb, ein von BVB-Fans betriebenes „Fanzine“, deren Artikeln ich oft zustimmen würde, schreibt in seiner Vorschau auf das heutige Freiburg-Spiel:

Es ist der BVB, der immer schon zählte und nicht irgendwelche Personen. Alles in allem ist diese Saison wohl mehr schief gelaufen als ein paar verletzte und müde Spieler. Doch es bringt alles nichts, korrigieren lässt sich das kurzfristig nicht mehr. Der Abstieg muss mit dem vorhandenen Material irgendwie verhindert werden.

Und in diversen Kommentarspalten auf Facebook kann man Einträge finden wie:
„Ich habe Angst um meinen BVB und nicht um irgendwelche Namen.“
Eine bodenlose Frechheit! Also ich liebe meinen Verein aber was die Mannschaft spielt ist wirklich unglaublich!“

Trennung von Verein und Mannschaft. Und je mehr von diesen Kommentaren ich finde und lese, desto weniger mehr Unverständnis regt sich in mir. Borussia Dortmund – das ist doch nur ein Name, das ist doch nichts ohne die Menschen dahinter. Oder?

Oder ist meine Sichtweise die verklärte? Bin ich einfach noch nicht lange genug Fan oder noch zu jung? So lange, wie ich Fan des BVB bin, ist ein Großteil der Mannschaft derselbe geblieben. Ändert sich die Einstellung vielleicht mit der Zeit? Aber selbst dann: Eine Mannschaft verändert sich ja nie von Grund auf von einem Tag auf den anderen. Es kommen immer wieder Neue dazu, immer wieder gehen einige. Gingen jetzt alle auf einmal, wie beschrieben, wüsste ich nicht, was mich noch beim BVB halten würde…

Was ich persönlich am allerschlimmsten finde, ist, dass mit dieser Trennung von Verein und Mannschaft so oft eine Abwertung der Spieler, der Menschen einhergeht. Alles Fehleinkäufe, Loser, die können nix, sie spielen nur für ihr Ego und nicht für den Verein, Gehalt kürzen/streichen, zu dumm, um das Tor zu treffen, null Qualität, Vollpfosten, keine Eier, Millionen an Gehalt einsacken und auf dem Platz nichts hinbekommen, schämt euch, „die faulen Säcke sitzen vor Ihrer Playstation oder schauen sich Ihre Kontoauszüge an und haben schon vergessen was vorhin war. Denen geht das ganze doch am Arsch vorbei. Vielleicht sollten die Verantwortlichen mal schauen was die Spieler in Ihrer Freizeit machen. Rauchen, Champagner saufen und T-Shirts entwerfen“ …. nur eine kleine Auswahl.

Da kann ich nur noch fragen: Geht’s noch? Klar, den Spielern macht das total viel Spaß, Spiele zu verlieren und Angst vor dem Abstieg zu haben. Die machen das ja nur des Geldes wegen, Spaß am Fußball haben die eigentlich auch nicht, von daher ist ihnen echt egal, ob sie gut oder schlecht spielen. Und wenn sie dann den Abstieg mit dem BVB in ihrer Vita stehen haben, gehen sie halt zu nem anderen Verein, mit dem sie Titel gewinnen können.

BVB_43_04.02.15_Augsburg© DeFodi

Mal völlig abgesehen davon, dass das zu einem Großteil Spieler sind, die man noch vor zwei Jahren in den Himmel gelobt hat, auf die man ach so stolz war, über deren Vertragsverlängerungen man sich ehrlich gefreut hat: Man muss denen doch nur mal in’s Gesicht gucken, um zu sehen, dass es denen ganz bestimmt nicht am A*** vorbeigeht. Aber es ist leichter und so viel einfacher, sich selbst als den „Leidtragenden“ hinzustellen:
Meine Familie war nie reich, eher arm aber das Geld für eine Karte haben sich meine Eltern immer vom Mund angespart damit der Junge seine Borussia sehen kann. Viel Kummer und auch unglaublich viel Freude hat die Borussia mir bereitet und viele private Schicksalsschläge wurden so abgemildert wenn ihr toll gespielt habt. Ihr lebt im Luxus und wir sparen uns das Geld für die Karten vom Mund ab. Manchmal bin ich hungrig und durstig nach dem Spiel zu Fuß vom Stadion bis nach Waltrop gelaufen weil das Geld für einen Döner, ne Cola und für die Fahrkarte heim gefehlt hat! Aber darauf bin ich stolz euch immer treu gewesen zu sein. Ihr tut mir weh und ihr enttäuscht mich.

Nein, ich versteh’s nicht. Ich verstehe, wenn man enttäuscht ist, wenn man keine Lust hat auf Abstiegskampf, wenn man endlich mal wieder schönen und erfolgreichen Fußball beim BVB sehen will. Das würde ich auch gerne. Aber wie man den Verein lieben kann und einem gleichzeitig die Mannschaft, die für diesen Verein spielt, egal (oder zumindest zweitrangig) sein kann? Das verstehe ich nicht, aber das kann ich zumindest akzeptieren. Ich verstehe nicht, wie man den Verein lieben kann und die Mannschaft, die den Verein konstituiert (denn was wäre ein Verein ohne Mannschaft?) so niedermachen kann, wie man Spieler, Menschen, von denen man vor nicht allzu langer Zeit noch so geschwärmt hat, plötzlich für unfähig erklären kann, wie man „echte Liebe“ intonieren und Monate später verbal auf Menschen einschlagen kann. Und das kann ich auch nicht akzeptieren.

Langer Rede kurzer Sinn: Wer oder was ist eigentlich ein Verein? Vielleicht kann es darauf immer nur eine individuelle Antwort geben. Vielleicht (hoffentlich) muss man sich diese Frage aber auch bald gar nicht mehr stellen, denn wenn diese Krise überwunden ist, sind vermutlich sowieso wieder alle eine einzige schwarz-gelbe Familie. Verein, Mannschaft und Fans.

Hey Fische, Fans und Kritiker, leider werde ich die kommenden Wochen fehlen 😞 . Trotzdem werde immer mit dem Herzen bei Euch sein und meine bestmögliche Unterstützung versprechen. Die Reaktionen nach dem Spiel waren völlig verständlich und gerechtfertigt. Ich stand selber mal dort und kenne diese Situation als Fan. Nur eins kann und werde ich nie verstehen…. Wie kann man einzelne Spieler im Internet usw. so –wirklich unter der Gürtellinie- beleidigen (vor einem Jahr wurden wir alle noch als „Helden“ gefeiert)?! Kritik? Selbstverständlich! Der spielt sch….! Vollkommen Ok! Natürlich weiß ich auch das jetzt wieder kommt: „kann der nicht mal ruhig sein und sich an die eigene Nase oder besser Füße fassen?“, ihr dürft mir glauben das ich mir genug Gedanken zu mir selbst mache – ABER es ist BORUSSIA DORTMUND und nicht irgendein Verein. Lasst UNS weiterhin das Team unterstützen, wie ihr es immer getan habt – Gemeinsam werden wir es schaffen Mannschaft&Fans Danke für die Aufmerksamkeit und Euch allen ein erfolgreiches Wochenende, euer Fisch

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