„Deutschland trauert.“ Über Kollektivtrauer und Medienkritik.

Ich habe gestern, als ich hier meine beiden Leseempfehlungen aussprach, geschrieben, ich wolle selbst eigentlich zu dem Flugzeugabsturz, den Folgen und der Medienberichterstattung darüber gar nichts schreiben. Nun. Das nehme ich hiermit zurück. Immerhin ist seit gestern doch schon wieder einiges passiert und in meinem Kopf geistern verschiedene Gedanken, die ich loszuwerden hoffe, wenn ich sie hier in geordneter Form niederschreibe.

Da wäre zum einen der mittlerweile so oft gehörte und gelesene Satz, „Deutschland trauert.“ Den halte ich für überzogen. Das mag jetzt hart klingen, aber: Ich trauere nicht. Ich bin fassungslos, vielleicht ein wenig geschockt, vor allem als gestern bekannt wurde, was ich mir vorher nie hätte ausmalen können: Dass ein Mensch willentlich ein Flugzeug mit 150 Menschen darin zum Absturz bringt. Das macht mich fassungslos, in Teilen auch sprachlos, das geht mir auch nah. Aber ich trauere nicht, denn ich kannte niemanden, der in diesem Flugzeug saß, kenne niemanden, der jemanden kannte, usw.

Mir persönlich geht dieser Absturz nicht näher als einer, der in Indien passiert. Als der verschwundene Flug MH370 im letzten Jahr. Als andere Unglücke, bei denen viele Menschen um’s Leben kommen. „Nur“, weil es ein deutsches Flugzeug war, das in Düsseldorf landen sollte, weil viele Deutsche darin saßen, darunter die Schülergruppe aus Haltern, was nicht allzu weit weg liegt von meinem Heimatort – „nur“ deswegen geht mir das nicht näher als andere Katastrophen.

Bin ich jetzt hartherzig, weil mich diese Kollektivtrauer, zu der man ja beinahe schon gezwungen wird, geradezu nervt? Sie nervt mich genauso wie die Kollektivfreude, die zu empfinden man ebenso „gezwungen“ wird bei dem Gewinn der Fußballweltmeisterschaft oder einer Goldmedaille bei den Olympischen Spielen. Vielleicht ist dazu schlicht zu wenig Nationalgefühl in mir vorhanden. Wobei das grundsätzlich auch kein Umstand ist, den ich bedaure. Ich bin betroffen, ja, ich habe Mitleid, ich nehme Anteil – aber ich persönlich trauere nicht.

Warum aber drücken das so viele Menschen so aus? Warum geht es vielen Menschen näher, wenn Schüler aus Haltern unter den Opfern sind, als wenn es Schüler aus Malaysia sind? Weil es näher an uns dran ist und weil es deswegen die Medien noch näher bringen. Weil es von den Medien viel größer gemacht wird als ein Unglück am anderen Ende der Welt, weil wir Bilder bekommen von Opfern und Angehörigen (dazu weiter unten noch mehr), viel mehr Hintergrundinfos und Geschichten, weil es schlichtweg kein anderes Thema mehr gibt. Das ist sicherlich normal, dass die Berichterstattung in diesem Fall umfangreicher ist als in anderen Fällen, aber ich bin sicher, dass genau die dazu beiträgt, dass viele Menschen „trauern“. Auch, weil ihnen genau dieser Ausdruck aus allen Medien ständig entgegengespült wird.

Die Medien sind der andere Punkt, weswegen ich das Unglück an sich stellenweise schon fast hinten anstelle. Denn die Art und Weise, wie viele Medien (nicht alle!) damit umgehen, macht mich genauso sprachlos, wenn auch aus einem anderen Grund. Und sie macht mich unfassbar wütend. Die Artikel, die ich gestern empfohlen habe, machen schon sehr gut deutlich, was da gerade alles schief läuft. Nun, nachdem die französische Staatsanwaltschaft gestern geäußert hat, dass wohl der Co-Pilot verantwortlich für den Absturz sei, nachdem sie auch seinen Namen veröffentlicht hat, dreht alles frei.

Die Unschuldsvermutung, die auch für Tote gilt, wird komplett missachtet – von vielen Medien, von vielen Blättern, auch von ausländischen. Allen voran natürlich von der BILD. Ich habe gestern auf Twitter das heutige Titelblatt gelesen und es nicht glauben können, nicht glauben wollen, dass so etwas ungehindert millionenfach gedruckt werden darf. Voller Name des Co-Piloten, Alter, ein privates Foto und eine Schlagzeile, die wirklich ihresgleichen sucht (nein, ich werde die Titelseite hier nicht zeigen.)

Die Unschuldsvermutung gilt, bis ein Mensch von einem unabhängigen Gericht nach durchgeführter Beweisaufnahme einer Tat schuldig befunden wurde. Wie und warum das auch gilt, wenn der mutmaßliche Täter bereits tot ist, wird in dem hier verlinkten Artikel dargestellt. Grundsätzlich würden vermutlich die meisten davon ausgehen, auch ich, dass ein Staatsanwalt so etwas nicht einfach ohne gute Begründung an die Öffentlichkeit bringt. Aber nachdem es am Dienstag noch hieß, es könnte womöglich Wochen dauern, bis man die Ursache kennt, sind sich am Donnerstag auf einmal schon alle einig, wie es abgelaufen ist und die einzige Frage, die noch im Raum steht, ist die nach den Motiven des vermeintlichen Täters.
Ob man den Namen des Co-Piloten, des mutmaßlichen Täters, nennen darf/muss? Diese Frage wird von Dominik Höch, Fachanwalt für Urheber- und Medienrecht, diskutiert. Das Persönlichkeitsrecht des Co-Piloten endete mit seinem Tod. Die Privatssphäre der Eltern und Familie jedoch muss gewahrt werden, ihnen steht Anonymitätsschutz zu. Durch Nennung des Namens und Wohnorts ist der nicht mehr gewährleistet. Andererseits ist das öffentliche Interesse nach Informationen bei einem Unglück dieses Ausmaßes so groß und der Verdachtsgrad hoch, was die Nennung des Namens grundsätzlich erlaubt. Aber ist es dennoch zwingend nötig oder sollte nicht zum Schutz der Familie doch darauf verzichtet werden? Laut Höch ist das keine rechtliche, sondern eine medienethische Frage.

Bei den Attentaten in Paris waren auch Namen und Bilder der Täter bekannt. Da hat sich keine Debatte darum entsponnen, ob das denn wohl okay wäre, auch mir kam diese Frage nicht in den Sinn. Wie ich den Artikel Höchs verstehe, ist der entscheidende Punkt in diesem Fall aber wohl der Schutz der Angehörigen. Und nachdem das Elternhaus des Co-Piloten bereits von Medien umzingelt ist und von Polizisten geschützt werden muss, meine ich persönlich, dass man den Namen nicht hätte nennen sollen/müssen.

Und dann gibt es da ja noch den Pressekodex. Den ich jetzt nur schnell überflogen habe, aber schon alleine dabei sind mir diverse Punkte aufgefallen, die ganz eindeutig von Medien missachtet werden. Als da wären:
Richtlinie 4.2„Die eingeschränkte Willenskraft oder die besondere Lage solcher Personen [z.B. Jugendliche, Kinder] darf nicht gezielt zur Informationsbeschaffung ausgenutzt werden“. – Ich habe mehrfach gelesen/gehört, dass in Haltern Schülern Geld geboten wurde, damit sie mit den Medien sprechen.
Richtlinie 8.2 und 8.3: „Die Identität von Opfern ist besonders zu schützen. Für das Verständnis eines Unfallgeschehens, Unglücks- bzw. Tathergangs ist das Wissen um die Identität des Opfers in der Regel unerheblich.“ und „Insbesondere in der Berichterstattung über Straftaten und Unglücksfälle dürfen Kinder und Jugendliche bis zur Vollendung des 18. Lebensjahres in der Regel nicht identifizierbar sein.“ – Bilder von Opfern des Absturzes, insbesondere auch der Schüler aus Haltern, dürfen also nicht gezeigt werden, wenn sie nicht zumindest unkenntlich gemacht werden. Wer hält sich daran? So gut wie niemand.
Richtlinie 8.7: „Die Berichterstattung über Selbsttötung gebietet Zurückhaltung. Dies gilt insbesondere für die Nennung von Namen, die Veröffentlichung von Fotos und die Schilderung näherer Begleitumstände.“ – Liegt hier eine Selbsttötung vor? Da über die Motive des Co-Piloten noch nichts bekannt ist, kann das zumindest nicht ausgeschlossen werden.

Nur ein kleiner Ausschnitt. (Der Pressekodex kann hier eingesehen werden.)

Ich verstehe, dass die Menschen Informationen bekommen wollen, um irgendwie zu verstehen, was da passiert ist und wie es dazu kommen konnte. Mir persönlich ergeht es da ja nicht anders. Aber es muss Grenzen geben bei der Berichterstattung, Grenzen, die vielen Journalisten und Redaktionen aktuell offensichtlich entfallen sind oder die sie bewusst ignorieren und übertreten. Und das macht mich zuweilen genau so fassungs- und sprachlos wie das Unglück an sich. Immer schneller immer mehr Klicks bekommen, das funktioniert, leider, mit Sensationsjournalismus, mit aufregenden Schlagzeilen, mit Bildern, mit exklusiven Inhalten am besten. Spekulationen als Wahrheiten verbreiten, löschen kann man es ja später immer noch. Dass es dann schon in den Köpfen vieler Menschen steckt und daraus nicht so leicht wieder gelöscht werden kann, wird in Kauf genommen. Und vielleicht kann und muss man hier nicht nur die Medien kritisieren, die das betreiben, sondern auch die Nutzer, die das Angebot gerne annehmen und diese Entwicklung nur weiter befördern.

Und natürlich ist das alles nicht neu. Das tritt momentan nicht zum ersten Mal auf, aber es tritt in so geballter Form auf und, das ist mein Eindruck, auch bei Medien, von denen man es allgemein vielleicht nicht unbedingt erwarten würde. Dass die Bild keinen Qualitätsjournalismus betreibt, ist ja nichts neues, aber sie ist aktuell eben bei weitem nicht die Einzige, die sich über Grenzen hinwegsetzt, sondern befindet sich da, leider, in ziemlich guter Gesellschaft.

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3 Kommentare zu „„Deutschland trauert.“ Über Kollektivtrauer und Medienkritik.

  1. Hmmm irgendwie fehlt hier zumindest bei mir beim letzten Satz das Ende.
    Ansonsten muss ich dir einfach in allen Punkten zustimmen. Aus ethischer Sicht ist der gesamte Umgang mit dem Absturz in den Medien einfach nur ein Schlag ins Gesicht.. Pietätlos, respektlos. „Deutschland trauert“ gezwungen, aber diejenigen, die wirklich trauern, weil sie Menschen verloren haben, dürfen nicht in Ruhe dazu kommen … Es ist einfach nur erschreckend.
    Vor allem da die Medien eigentlich eine moderne Hexenjagd losgetreten haben … Ich persönlich will am liebsten davon nichts mehr hören und nichts mehr lesen, ich frage mich nur, warum man jeden Schritt medial berichten muss.

    1. Stimmt, hast Recht. Dabei bin ich mir sicher, dass ich den zu Ende geschrieben hatte, aber jetzt weiß ich auch schon nicht mehr, was da stehen sollte :D Danke für den Hinweis :)
      Den Moment hatte ich gestern auch irgendwann, wo ich das Radio ausgeschaltet hab und einfach nix mehr davon wissen wollte. Ich persönlich muss nicht jede neueste Erkenntnis, die womöglich noch überhaupt nicht gesichert ist, gleich auf allen Kanälen entgegen geschleudert bekommen. Aber genau das bringt Leser, bringt Auflage, bringt Klicks und Geld.

      1. Wer weiß, vielleicht hat WordPress den irgendwie geschluckt :) Kann ja hin und wieder mal passieren.
        Das stimmt. Mir würde ein abschließender Bericht ja reichen zur Information, statt dass jede winzig-kleine Entdeckung sofort öffentlich gemacht wird. Das läd nämlich zu Spekulationen und Verschwörungstheorien ein und das ist genauso unerträglich. Aber die Leute wollen es eben scheinbar hören und wollen sich reinsteigern, obwohl es sie gar nichts angeht und sie nicht betrifft.

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