Bitte nicht in Echtzeit.

Im vorletzten Spiegel (ich hänge mit dem Lesen ein wenig hinterher), 18/2015, findet sich gegen Ende ein Essay von Sascha Lobo. „Wie das Live-Streaming den Journalismus verändert“, wird es im Inhaltsverzeichnis betitelt, „Wir Live-Gläubigen“ lautet die Überschrift.

Lobo, Buchautor und Blogger, befasst sich in diesem Essay mit den Apps Meerkat und Periscope, mit denen Nutzer live Videos in’s Netz streamen können, samt Ankündigung derselben auf Facebook und Twitter. Zuschauer können ebenso live Kommentare zum Video abgeben, die dann neben dem Live-Bild angezeigt werden. Diese Apps sind laut Lobo die aktuelle Stufe des Onlinejournalismus, einer „Live-Gläubigkeit“, die auch den Journalismus beherrsche.

In seinem Essay geht Lobo auf die Geschichte dieser Apps ein, erläutert auch das Verhalten vor allem jüngerer Smartphone-Nutzer, die „eine Trennung als Amputation“ empfinden. Der wirklich interessante Teil beginnt eigentlich erst gegen Ende des Artikels und legt den Fokus auf die ‚Echtzeit‘ bzw. das ständige Verlangen des Publikums nach immer neuen Informationen – besonders augenscheinlich in Krisensituationen und bei unvorhergesehenen Ereignissen, wie zuletzt dem Absturz des Germanwings-Flugzeugs über den französischen Alpen.

In einer beschleunigten Gesellschaft kann sich jeder mit Zugang zum Internet seine Informationen selbst zusammen suchen. Wenn alle verfügbaren Informationen aufgenommen wurden, entsteht ein „Informationsvakuum“, das von Journalisten zunächst mit verfügbaren relevanten, später vefügbaren irrelevanten und schließlich mit nichtverfügbaren Informationen gefüllt werden. Weil die Gier nach Nachrichten und Informationen größer ist und schneller wächst als sachliche, richtige Informationen herbeigeschafft werden können, wird letztlich „Vermutungsjournalismus“ betrieben, Sensationsjournalismus, in dem jeder kleinste Strohhalm hergenommen wird, um eine Verbindung zu dem Ereignis herzustellen.

Live-Streaming Apps wie Meerkat und Periscope und ihre systematische Einbindung beispielsweise bei Youtube oder Facebook könnten die Medienwelt noch einmal beschleunigen und „Hintergrundwissen durch rohe Live-Information“ ersetzen, schreibt Lobo. Das ist sicherlich ein logischer Schluss – denn in einer Gesellschaft, in der immer mehr Nachrichten immer schneller herangeschafft werden sollen, um das Informationsbedürfnis des Publikums zu befriedigen, ist schlicht keine Zeit für Recherche, Beurteilung und Einordnung von Informationen – eigentlich eine der wichtigsten Aufgaben von Medien. Dann ist die Informationsflut groß, der Mehrwert klein und das Verständnis geht gen Null.

Die Frage, die sich mir dabei stellt, ist jedoch: Warum machen die Medien da mit? Das mag jetzt herrlich doof und naiv klingen. Aber wenn die Medien, jedenfalls der Teil, der den Anspruch hat, qualitativ und seriös zu arbeiten, die Schraube zurückdrehen und in dem Wahnsinn von Eilmeldungen und Live-Informationen drei Gänge zurück schalten, um mit etwas Abstand qualitativ bessere, wertvollere und vor allem korrekte Informationen zu liefern – kann man dann nicht auch diese Entwicklung wieder zumindest ein Stück weit zurückdrängen? Wenn man sich weigert, Vermutungen und Spekulationen zu verbreiten und stattdessen mit journalistischer Sorgfalt Informationen prüft, bevor man sie an die Öffentlichkeit weitergibt – merkt dann nicht vielleicht auch das Publikum, womit es besser bedient ist?

Muss man als Zeitung, als Verlag, als Journalist, zwingend mitmachen in der „weißglühende[n] Turbine der Nachrichtenhysterie in sozialen und redaktionellen Medien“, weil man sonst sein Publikum unwiederbringlich verliert – oder kann man sich davon nicht auch frei machen und einen Schritt (oder zwei oder drei) zurück machen zu einem Journalismus, in dem Qualität vor Quantität steht und in dem es nicht in erster Linie um Live-Informationen, sondern um richtige (und ethisch vertretbare) Nachrichten geht?

In Lobos Essay klingt es, als wäre alles schon verloren. Wenn Meerkat und Periscope oder andere Apps derselben Art sich flächendeckend durchsetzen, können wir den Qualitäts-Journalismus abschreiben. „Wir verstehen dann, vom Ticker begleitet, vielleicht nicht mehr, was wir sehen. Aber immerhin in Echtzeit.“ – Wirklich? Vielleicht ist es tatsächlich naiv, aber ich glaube, dass es auch noch einen anderen Weg gibt. Allerdings ist es dafür notwendig, dass die Medien erkennen, wo die Lücke klafft zwischen dem, was allgemein als guter Journalismus bezeichnet wird, und dem, was zu häufig schon praktiziert wird. Dem Publikum wird man die Sucht nach allzeit neuen Informationen nicht mit einem Schlag austreiben können. Aber die Medien können sich davon frei machen, ihrem Publikum jederzeit die neuesten Bilder von der Unglücksstelle zu liefern, das aktuellste Update zu machen zu einem Ereignis, bei dem sich in der letzten halben Stunde nichts signifikant verändert hat. Können ihren Zuschauern und Lesern Vermutungen und Spekulationen ersparen und stattdessen Zeit in Recherche und Hintergrundinformationen investieren.

Wenn nichts verfügbar ist, mit dem die Sucht gestillt werden kann, dann ist das vielleicht ein kalter Entzug – aber ein notwendiger. Jedenfalls, wenn man die Live-Gläubigkeit eindämmen und die Qualität journalistischer Arbeit neu hervorheben will. Die Entwicklung, durch die Lobo die „journalistische Suche nach der Wahrheit“  bedroht sieht, können nur eben diese Journalisten und ihre Medien aufhalten.

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