Olympia

In diesen Tagen läuft der Fernseher überdurchschnittlich viel bei uns. Und das liegt nicht nur daran, dass für einen gewissen Menschen in diesem Haushalt noch Schulferien sind (das muss ich nicht weiter erläutern, oder? ;-) ), sondern vor allem auch an Olympia. Auch ich sitze momentan viel vor dem Fernseher, am späten Abend nach der Arbeit oder am Vormittag – den vielen Wiederholungen auf den verschiedensten Sendern sei Dank – und schaue mir an, wie unzählige Sportler in den verschiedensten Sportarten um Medaillen kämpfen.Jetzt kann man über Olympia generell und vor allem die Spiele in Rio de Janeiro in diesem Jahr natürlich ganz viel diskutieren. Doping, Korruption, die Vergabe der Spiele nach Rio – mit jedem dieser Themen könnte man vermutlich ganze Bücher füllen. Genauso wie ich die Vergabe der Fußball-WM in ein Land, in dem man erstmal Milliarden für den Bau von ausreichend vielen, großen und sicheren Stadien ausgeben muss, unsinnig und falsch finde, wenn in anderen Ländern die nötige Infrastruktur gegeben ist, halte ich die Entscheidung, Olympia in einem solchen Land abzuhalten, für ebenso falsch. Ein Land oder eine Stadt, in der die Krankenhäuser unterbesetzt und mehr als nur schlecht ausgestattet sind, in dem zu viele Menschen kein Geld für Arzt, Medikamente oder Essen haben – und auf der anderen Seite der Zäune und Sichtschutze ist es ein Drama, wenn statt einer Gold- nur die Silber- oder Bronzemedaille herausspringt. Der Versuch, mit der Vergabe der olympischen Spiele nach Rio die Situation der Menschen in der Stadt und in Brasilien zu verbessern, mag ja ehrenwert sein, aber scheint – wie schon bei der WM 2014 – nicht zu gelingen.

Das ist ein Punkt, der mir sehr wohl bewusst ist. Ebenso könnte ich lange über den IOC diskutieren und ihn kritisieren oder mich über die „höher, weiter, schneller“-Mentalität aufregen, die doch Doping geradezu herausfordert. Alle Kritik und alle Zweifel haben sicherlich ihre Berechtigung. Dennoch schaue ich gerne Olympia und habe mich bereits im Vorfeld darauf gefreut.

Als größtes Sportereignis der Welt haben die olympischen Spiele der heutigen Zeit nicht mehr viel mit ihrem Ursprungscharakter gemein. Wie so ziemlich überall steht auch hier der Kommerz ganz oben und immer öfter geht es auch im Sport um Politik. Aber wenn man das ganze Drumherum, die riesigen Eröffnungs- und Abschlussfeiern, die Selbst-Inszenierungen von Ländern, Verbänden und einzelnen Sportlern, die mediale Überhöhung von Siegen, Niederlagen und der Spiele überhaupt auszublenden schafft, bleibt letztlich doch der Sport übrig.

Ich mag Olympia zum Beispiel deswegen, weil ich dabei Sportarten zu sehen bekomme, die in den restlichen vier Jahren bestenfalls in irgendwelchen Nischensendern und zu nachtschlafender Zeit gezeigt werden. Oder wann sonst findet man im Fernsehen Kunstturnen, Turmspringen oder Rudern? Fußball sehe ich das ganze Jahr über (und finde es deswegen bei Olympia eigentlich ziemlich überflüssig), andere Ballsportarten tauchen zumindest ab und an mal auf, Leichtathletik immerhin während Europameisterschaften. Aber was ich gerne gucke, ist eben das, was mir sonst eher selten begegnet. Allein dafür mag ich Olympia schon, damit wenigstens alle vier Jahre mal etwas Abwechslung in die ansonsten doch sehr eintönige Sportwelt bzw. Sportberichterstattung und -übertragung kommt.

Weil (mir) die Sportarten und vor allem die Sportler weitgehend unbekannt sind – und ich noch dazu einfach kein besonders patriotischer Mensch bin – freue ich mich einfach mit den Siegern mit und habe Mitleid mit den Verlierern. So ist Sport gucken viel entspannter, auch wenn ich eine starke Affinität zum #TeamGB habe und mich über deren Erfolge und Medaillen vielleicht noch ein bisschen mehr freue. Ich bestaune unglaubliche sportliche Leistungen, von denen ich nicht dachte, dass ein Mensch so etwas überhaupt schaffen kann. Und betrachte jeden Sportler erst einmal vorurteilsfrei, ohne den Hintergedanken an Doping.

Vor allem finde ich, ist man es bei all der sicherlich wichtigen Diskussion und Kritik rund um die Olympischen Spiele den Sportlern irgendwo schuldig, sich mit ihnen, ihrem Sport und ihrer Leistung zu beschäftigen. Die meisten von ihnen werden durch ihre Teilnahme an Olympia weder plötzlich steinreich, noch sind sie wegen des Geldes da, sondern die olympischen Spiele sind ein/der Höhepunkt ihrer Karriere, ein Wettkampf, auf den sie sich seit Jahren vorbereiten. Natürlich wird man als Olympiasieger ziemlich plötzlich ziemlich berühmt, doch ich möchte erst einmal allen Sportlern zugestehen, dass sie Olympia verstehen als einen fairen und sportlichen Wettkampf unter den besten Sportlern einer Disziplin und die Teilnahme daran als die Krönung ihrer Laufbahn. Und in vielen Interviews, die ich gehört oder gelesen habe, klingt genau das an – neben berechtigter Kritik an dem Drumherum und der ganzen Werbe- und Medien-Maschinerie, die auch noch daran hängt.

Eine Rückbesinnung auf diesen Kern, auf den Sport an sich, würde den Spielen bestimmt gut tun. Doch das wird nicht passieren, genauso wenig wie in anderen Teilen der Gesellschaft. Also bleibt nur, die verschiedenen Aspekte voneinander zu trennen. Und wenn ich das tue, dann macht es mir gleichzeitig Spaß, mir Sportarten und Wettbewerbe anzusehen, nehme ich aber auch alles andere wahr. Geht das überhaupt? Es gibt doch nicht wirklich einen anderen Weg. Olympia zu boykottieren, weil der Verband und der Austragungsort einem nicht passen, weil man hinter jeder Ecke Doping vermutet, ist doch den Sportlern gegenüber, die die olympischen Spiele als sportliches Großereignis erleben, hart dafür arbeiten, sauber sind und bleiben und einfach nur ihren Sport, ihr Hobby, ihren Beruf ausüben, absolut nicht fair.

Dennoch muss ich sagen, dass mir die Spiele vor vier Jahren in London besser gefallen haben. Warum? Nicht nur, weil die Zeitverschiebung zwischen Rio und Ibbenbüren es etwas unmöglich macht, wirklich vieles live zu sehen, wenn man sich nicht die Nächte um die Ohren schlagen will. In London war – soweit ich es vor dem Fernseher wahrnehmen kann – die Stimmung besser und natürlich waren da weniger schlechte Gedanken im Hinterkopf: An das Geld, das „verschleudert“ wurde, um die Sportstätten zu bauen, während es die Anwohner für wichtige Dinge ihres Alltags dringend gebrauchen könnten, an Nachhaltigkeit, Sicherheit und Korruption.

Trotzdem habe ich aber eben auch Spaß an Olympia und dem Sport, den ich im Fernsehen zu sehen bekomme. (Im Übrigen schaue ich am liebsten die Übertragungen der BBC, weil dort, so mein Empfinden, deutlich weniger Gewese und Aufhebens gemacht, kritischer und sachlicher kommentiert und moderiert wird als bei ARD und ZDF, was mir sehr entgegen kommt.) Jedenfalls solange, bis ich mir vorstelle, ich müsste die dort gezeigten Verrenkungen Leistungen nachmachen. Dann schalte ich doch lieber weg und überlege, wann ich das nächste Mal wenigstens eine Lauf-Runde einschieben kann…

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