Gelesen – 11/2016

Dass die Arbeit und die Zeit, die für die Uni momentan draufgehen, zugenommen haben, merkt man unter anderem daran, dass ich die Zugfahrten aktuell weder für’s Bloggen nutze noch für das Lesen – jedenfalls nicht für freiwillige Roman-Lektüre. Deshalb kann ich auch diesen Monat wieder nur ein Buch präsentieren.

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Anna Seghers: Das siebte Kreuz
Aufbau Verlag

Dieses Buch habe ich von einem Stapel errettet, den mein Bruder nach erfolgreich bestandenem Abitur für „in den Müll“ im Flur abgeladen hatte. Bücher entsorgen geht für mich gar nicht, selbst wenn es ungeliebte Schullektüren sind. „Die Judenbuche“, „Tauben im Gras“ und „Brick Lane“ finden sich auch in meinem Regal noch, wenn auch zugegeben in einer etwas versteckten Ecke.

Zurück zum siebten Kreuz. Von dessen Autorin hatte ich zwar noch nie etwas gehört, Anna Seghers ist aber ein bekannter Name der deutschen Nazi-, Kriegs-Lektüre. „Das siebte Kreuz“ entstand 1937 – 1939 in Frankreich, wo Seghers seit 1933 im Exil lebte. Es beschreibt, kurz gesagt, die Geschichte und die Folgen eines Ausbruchs von sieben Häftlingen aus dem Lager Westhofen. Einer nach dem anderen wird gefasst, zwei tot, die anderen lebend und letztere werden in’s Lager zurückgebracht und Abend für Abend an Platanen wie an Kreuzen aufgestellt, zur Beschau und zur Abschreckungfür die anderen Häftlinge. Nach einigen Tagen fehlt nur noch einer: Georg Heisler.

Heisler ist die Hauptfigur des Buchs und doch auch wieder nicht. Denn der Roman wechselt häufig, eigentlich alle paar Seiten, die Erzählperspektive. So bekommt der Leser zwar immer wieder viele Einblicke in die Situation und die Gefühlswelt von Heisler, aber so eine richtige Nähe zu ihm kommt nicht auf. Mir jedenfalls war Heisler nicht vertrauter oder näher als die vielen anderen Figuren des Romans.

Viele Personen kommen im siebten Kreuz zu Wort: Die Mit-Häftlinge und Mit-Flüchtlinge, die Lager-Befehlshaber, SA- und SS-Kommandanten, alte Freunde von Heisler, deren Leben auf den Kopf gestellt wird, ohne dass sie überhaupt sicher wissen, ob Heisler unter den Geflohenen ist. Seine Familie, seine Frau und deren Familie (die Ehe schon kaputt und vorbei wenige Monate nach der Hochzeit und noch vor der Geburt des Kindes), Menschen, denen Heisler auf seiner Flucht begegnet. Und die Kraft dieses Romans liegt darin, dass man sie alle verstehen, die Beweggründe für ihr Handeln alle nachvollziehen kann: Ob sie ihm helfen oder warum nicht. Wie sie vor seiner Verhaftung zu ihm standen und wie sie heute von ihm denken. Auch in die „Bösen“, die Nazis, die SS- und SA-Männer, guckt der Leser „hinein“: Auch sie treffen Entscheidungen, auch ihr Leben hat eine Vorgeschichte: Der Eine sah den Ersten Weltkrieg als Perspektive, seinem engen Heimatdorf zu entkommen, und wurde bald verrückt, als er nach Kriegsende wiedef zurück zu Frau und Familie musste. Der andere hat sich eine bessere Position verschaffen wollen, wollte Bürgermeister werden, und hat deshalb verdächtige Besuche bei seinem Konkurrenten, einem der Mit-Flüchtlinge, gemeldet – Verhaftung und Internierung waren nicht intendiert.

Dabei entschuldigt der Roman nicht. Er stellt nur dar. Die Lebensumstände vieler verschiedener Menschen, ihre Gefühle, Gedanken und Motive. Die wunderschön beschriebene Landschaft um Mainz und Frankfurt. Die Arbeits- und Lebenssituationen der Menschen, auf dem Rad zur Schicht in der Fabrik, zu fünft in einer 2-Zimmer-Wohnung. Und die Maschinerie dieses riesigen Apparates, die Logiken des nationalsozialistischen Deutschlands. Es ist unglaublich anschaulich und irgendwo auch faszinierend, wie genau Seghers den Umgang und die Haltung der Menschen zu denjenigen, die jetzt in Deutschland das „Sagen hatten“, und zu den Vorgängen und Entwicklungen in ihrem Land beschreibt.

Das siebte Kreuz bleibt leer, heißt es schon im Klappentext – was das bedeutet, kann sich jeder denken. Es ist irgendwo ein gutes Gefühl am Ende – dem System ein Schnippchen geschlagen. Ein Happy End ist es nicht. Aber es ist ein faszinierendes Buch, vor allem wenn man bedenkt, dass Anna Seghers zu der Zeit, in der ihr Roman angesiedelt ist, schon seit vier Jahren nicht mehr in Deutschland lebte und das Leben dort trotzdem so gut analysieren konnte. Es ist faszinierend, weil es ganz tief reingeht: Es geht nicht um Politik, es geht auch nicht um irgendwelche bekannten Widerstandskämpfer, es geht nicht um Hitler oder Himmler oder Goebbels oder andere bekannte Namen, sondern um das Leben, die Handlungen und Entscheidungen von einfachen Menschen, seien sie Bauern, Häftlinge oder Arbeiter, Kommunisten oder Nationalsozialisten. Es vermittelt ein Bild von dieser Zeit, das es im Geschichtsunterricht so nicht gab und das unglaublich vielschichtig ist und sehr interessant.

Leben muss man dafür natürlich mit der Sprache dieser Zeit – aber auch die mag ich. Weil man einen Satz vielleicht auch mal zweimal lesen muss, bis man versteht, was genau damit gemeint ist. Weil die Sprache eben gerade nicht einfach und plakativ ist, sondern genauso vielschichtig ist und komplex wie die Inhalte, die sie transportiert.

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