Gelesen – 06/2017

Hilfe, es ist schon Juli. Wo bleibt nur die Zeit? Das habe ich mich im vergangenen Monat tatsächlich auch häufiger gefragt. Vor allem die Zeit zum Lesen blieb irgendwie auf der Strecke und so habe ich in diesem Monat auch mal wieder nur ein Buch vorzuweisen. Noch dazu eines, das mir nicht wirklich gefallen hat. Das war mir im Vorhinein schon fast klar, trotzdem habe ich es gelesen und auch bis zum Ende. Warum? Weil ich eben so bin.

Philippa Gregory: Die Mutter der Königin (Mitte)
Rowohlt Taschenbuch Verlag

Warum wähle ich ein Buch, wenn ich schon ahne, dass ich es nicht mögen werde? Weil es noch ungelesen in meinem Regal stand. Ganz einfache Antwort. Und warum lese ich es auch noch bis zum Ende? Weil ich in meinem Leben erst ein einziges Buch nicht zu Ende gelesen habe. Das war „Tauben im Gras“ von Wolfgang Koeppen, es war Pflichtlektüre im Deutsch-Kurs und ich fand es scheußlich und da ich Deutsch nicht im Abitur nehmen konnte hatte, habe ich es irgendwann nach der Hälfte wieder weggelegt. Das war aber tatsächlich das erste und bisher einzige Mal. Nun aber endlich zur „Mutter der Königin“.

Philippa Gregory ist eine englische Autorin von historischen Romanen – also eigentlich genau mein Genre. Unter meinen Büchern befinden sich von ihr bereits „The Red Queen“ und „The White Queen“, die ich auch beide auf Englisch gelesen habe („Die Mutter der Königin“ lautet im Original „The Lady of the Rivers“ – deutlich einfallsreicher als der deutsche Titel). Wer sich ein wenig mit der englischen Geschichte auskennt, ahnt es jetzt wohl schon: Gregorys Romane (die sie wie am Fließband produziert) spielen alle in der Zeit der Rosenkriege und später der Tudors, also im England des 15. und 16. Jahrhunderts. Grundsätzlich eine sehr spannende Zeit, über die ich viel gelesen habe (historisch und sachlich) und zu der ich doch so einiges weiß.

Die Mutter der Königin ist Jacquetta von Luxemburg, später Duchess von Bedford und noch später Jacquetta Woodville und damit die Mutter von Elizabeth Woodville, die den yorkistischen König Edward IV heiratete (und deren zwei Söhne wohl im Tower umkamen). Der Roman beschreibt ihr Leben: Nach ihrer Hochzeit mit John of Lancaster, Duke of Bedford, Bruder eines englischen Königs, Onkel eines weiteren Königs (und nebenbei Enkel vom großen Duke of Lancaster), ist sie die größte englische Lady, bis ihr Gemahl stirbt. Auch als Herzoginwitwe hat sie eine bedeutende Position am englischen Hof inne, die sie jedoch fast verspielt, als sie aus Liebe den unbedeutenden Ritter Richard Woodville heiratet. Der König Henry VI, bzw. seine Berater, sehen jedoch recht großzügig darüber hinweg. Es gibt eine Strafzahlung, Richard und Jacquetta ziehen sich einige Jahre lang zurück, bis der König Marguerite of Anjou heiratet. Marguerite und Jacquetta sind in ähnlichem Alter und sprechen dieselbe Muttersprache: Jacquetta holt die zukünftige englische Königin in Frankreich ab, bereitet sie auf ihre Hochzeit vor und wird ihre Hofdame und engste Vertraute.

Sie bleibt an ihrer und des Königs Seite, lange Jahre, bis Marguerite endlich einen Erben bekommt; während der König immer wieder „dem Wahnsinn anheimfällt“, wochen- und monatelang schläft oder nicht ansprechbar, geschweige denn regierungsfähig ist; während die ersten Schlachten des Bruderkrieges, der Rosenkriege geschlagen werden; als sich der Duke of York zum Lord Protector macht und bis sein Sohn, Edward IV, König von England wird. Nach der Schlacht von Towton 1461, einer großen Niederlage für die Lancastrianer und der „Krönungsschlacht“ von Edward IV trennen sich Jacquettas und Marguerites Wege: Jacquettas Mann und Sohn haben sich in der Schlacht Edward ergeben und wechseln in das yorkistische Lager. Während der lancastrianische König Henry, Marguerite und ihr Sohn Edward, in Schottland in’s Exil gehen und ihre verbliebenen Verbündeten um sich scharen, leben Jacquetta und ihr Mann Richard mit ihren sage und schreibe 13 Kindern zurückgezogen auf dem Land. Bis eines Tages ihre älteste Tochter Elizabeth, verwitwet, sich mit ihren zwei Söhnen am Straßenrand bereit macht, den vorbeiziehenden König Edward IV aufzuhalten und auf sich aufmerksam zu machen. Damit endet der Roman an ziemlich genau der Stelle, an der „The White Queen“, obwohl früher erschienen, beginnt.

Klingt doch alles nach einer guten Story? Ist es eigentlich auch. Ich mochte aber noch keinen der Romane von Philippa Gregory so richtig. Ich bin „geprägt“ von den Büchern von Rebecca Gablé, ich bin quasi „Lancastrianer“ und vor allem bin ich geprägt davon, dass selbst in historischen Romanen, die ja keine Sachbücher sind, die Fakten stimmen (müssen!). Zu vieles in den Büchern von Gregory steht dem entgegen, was ich aus der Gablé-Reihe kenne und weiß. Und: Selbst wenn, wie in „The Red Queen“ oder auch in der „Mutter der Königin“ die Geschichte eine lancastrianische ist, kommt (bei mir) immer unterschwellig rüber, dass Gregory eher die yorkistische Seite favorisiert und das in ihren Erzählungen, ihren Charakterisierungen der Personen immer mitschwingt.

Jacquetta entstammt einer Familie, deren Frauen sich rühmen, Nachfahrinnen von Melusine zu sein, Dinge zu sehen, „Kräfte der anderen Welt“ zu haben. Auch ihre Tochter, Elizabeth Woodville, wurden diese Kräfte zugesprochen, beide wurden mit Magie und Hexerei in Verbindung gebracht und Gregory betont diese Seite sehr stark.  Jacquetta erkennt, dass diese Gabe, Visionen zu haben und im Wasser die Zukunft sehen zu können, auch gefährlich sein kann, und hält ihre Gabe verdeckt und vor den meisten Menschen geheim. Damit verbunden ist aber auch eine geradezu feministische Einstellung: Starke Frauen, Frauen, die sich solcher Hilfsmittel bedienten, eine Verbindung in die „andere Welt“ haben, machten den Männern Angst. Sie sympathisiert in gewisser Weise mit Eleanor Cobham, Duchess of Gloucester, die öffentlich als Hexe gebrandmarkt wird:

„Die mächtigsten Männer des Königreichs haben eine Herzogin in den Staub gezerrt und sie hinausgeschickt, damit die gewöhnlichen Londoner sie bestaunen können. Sie haben so viel Angst vor ihr, dass sie das Wagnis eingegangen sind, eine der Ihren zu entehren. Sie sind so gierig, sich selbst zu retten, dass sie es für besser hielten, sie fallen zu lassen.“

Eine andere Version, die ich gelesen habe, besagt, dass die Herzogin etwas, das wir heute einen Voodoo-Zauber nennen würden, durchgeführt hat, um den König zu verfluchen, ihn krank und schwach werden und schließlich sterben zu lassen, denn dann wäre ihr Gemahl der rechtmäßige Erbe und König und sie Königin. Es ist sicher richtig, dass die Menschen im Mittelalter ein anderes Verhältnis zu Magie hatten – nicht umsonst gab es Hexenverbrennungen – und Eleanor Cobham wurde angeklagt, für schuldig befunden und eingesperrt. Aber daraus diese merkwürdige Form des Feminismus zu „basteln“, geht mir, ehrlich gesagt, ein wenig zu weit.

Ich kritisiere auch ganz explizit die Darstellung von Marguerite of Anjou, die auch bei Rebecca Gablé sicher nicht als unkomplizierte und liebenswerte Frau rüberkommt. Aber Gregory schafft es, sie zwischen völliger Naivität und absolutem Wahnsinn, der an den ihres Ehemannes, nur in anderer Form, erinnert, pendeln zu lassen. Von Hass auf die Yorkisten quasi zerfressen, völlig verblendet, wenig vorausschauend, impulsiv. Es ist ganz sicher richtig, dass Marguerite keine durchschnittliche mittelalterliche Königin war, geschweige denn eine durchschnittliche mittelalterliche Frau. Aber ich meine, dass sie deutlich klüger und kalkulierender gewesen sein muss, als Gregory ihr zugesteht. Berechnend, was sicherlich nicht unbedingt ein sympathischer Wesenszug ist, aber hoch-intelligent, mutig und stark.

Ebenfalls nicht konform gehe ich mit der Darstellung von Edmund Beaufort, dem Duke of Somerset. Der eine immens wichtige Rolle spielt, aber merkwürdigerweise nicht im der Geschichte vorangegangenen Stammbaum erscheint. Gut also, wenn man als Leser weiß, dass er ein Cousin des Königs ist, denn im Buch wird das nicht deutlich. Auch ihm schreibt Gregory deutlich weniger Intelligenz und Geschick zu, als er, meiner Meinung nach, gehabt haben muss und stellt ihn stattdessen als attraktiven und charmanten, aber eigentlich strohdummen Mann dar. Über seinen älteren Bruder John, der im Roman nicht aktiv vorkommt, schreibt sie:

„Edmund Beauforts älterer Bruder hat sich in Frankreich zum Narren gemacht und ist zu Hause ebenso rasch wie passend gestorben, kurz bevor er des Verrats angeklagt werden konnte. Richard [Woodville] sagt, er habe den Tod von eigener Hand gefunden, und das sei das einzig Gute, was er je für seine Familie getan habe.“

Dabei vergisst sie zu erwähnen (oder in Betracht zu ziehen), dass dieser John Beaufort 17 Jahre in französischer Gefangenschaft war, weil seine königliche und sonstige Verwandtschaft keinen ihrer wertvollen französischen Gefangenen für ihn eintauschen wollte. (Ich „mag“ Somerset, also mag ich es nicht, wenn man ihn unfair beschreibt.)

Es gibt noch vieles mehr, kleinere Dinge, die ich hier aufzählen könnte; bspw. unterschlägt Gregory den dritten Sohn von Königin Katherine und Owen Tudor und spricht mehrfach von nur zwei Söhnen. Nicht zuletzt aber stößt mir auch die Sprache und der Stil des Romans auf. Dabei kann ich jetzt nicht sagen, ob es an Gregory oder der deutschen Übersetzung liegt. Aber die ständige Nutzung von Bezeichnungen wie „Mein Liebling“, „Geliebter“ oder „mein Lord“, wenn Jacquetta bspw. an ihren ersten Mann zurückdenkt, auch lange, nachdem er gestorben ist, gingen mir irgendwann, gelinde gesagt, ziemlich auf die Nerven. Und grundsätzlich mag ich leider auch den Ich-Erzähler nicht besonders gerne.

Alles in allem habe ich für mich beschlossen, dass „Die Mutter der Königin“ der letzte Roman von Philippa Gregory war, den ich gelesen habe. Ich kann mit ihrer „Schreibe“ und ihrer Version der historischen Ereignisse, die sie sich vielfach so zurechtrückt, wie es für sie passt oder richtig erscheint, einfach nicht viel anfangen. Das ist schade, denn sie schreibt über eigentlich interessante Ereignisse und Personen.

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