Gelesen – 09/2017

Trotz Urlaubs, trotz viel Lesezeit, sind es auch im September „nur“ zwei Bücher geworden. Eigentlich zweieinhalb, aber das halbe stelle ich dann im Oktober vor, wenn ich es wirklich beendet habe. Aber ich habe das Lesen in diesem Monat sehr genossen und es waren zwei wirklich wunderbare Bücher.


Joachim Meyerhoff: Ach, diese Lücke, diese entsetzliche Lücke
Kiepenheuer & Witsch

Dies ist der dritte Teil des sechsteiligen, für das Theater konzipierten, Zyklus „Alle Toten fliegen hoch“. Den gleichnamigen ersten Teil habe ich im Mai gelesen und hier vorgestellt. Nun also der dritte, der zweite wird im Oktober folgen. So durcheinander? Ja, denn diese Romane hat meine Mutter in dieser etwas wilden Reihenfolge gekauft (und gelesen). Weil aber jeder Teil einen bestimmten Abschnitt im Leben von Meyerhoff erzählt und in sich abgeschlossen ist, spielt die Reihenfolge keine ganz so entscheidende Rolle.

Im ersten Teil geht der Leser mit dem Protagonisten für ein Austausch-Schuljahr aus der norddeutschen Kleinstadt nach Amerika. Der zweite Teil, so viel kann ich schon verraten, macht demgegenüber in der Chronologie einen Schritt zurück und erzählt aus der Kindheit. „Ach, diese Lücke, diese entsetzliche Lücke“ dagegen schließt als dritter Teil quasi fast nahtlos an den ersten an. Der Schulabschluss ist geschafft und Meyerhoff entschließt sich dazu, sich an der Schauspielschule in München zu bewerben. Wider alle Erwartungen wird er dort auch tatsächlich angenommen und zieht für die nächsen Jahre in München in die Villa seiner Großeltern.

Davon erzählt der Roman: Von der Schauspielausbildung, in der Meyerhoff nacheinander feststellen muss, dass er nicht (auf Kommando) weinen, nicht atmen, sprechen, gehen und stehen kann. Er fühlt sich immer wieder völlig falsch an der Otto-Falckenberg-Schule, hinterfragt seine Motivation und zweifelt an seiner Entscheidung. Und er erzählt von dem Leben mit seinen Großeltern, die er nicht immer versteht, die ihn nicht immer verstehen, die höchst eigenartige Angewohnheiten und Traditionen haben, die er aber über alles liebt und bei denen er sich nach einiger Zeit mehr zuhause fühlt als bei Besuchen zuhause.

Über „Alle Toten fliegen hoch“, habe ich geschrieben, es sei für mich ein leises Buch. Das lässt sich für die „Lücke“ nicht sagen. Das Tempo ist höher oder zumindest kommt es einem beim Lesen so vor. Und leise? Wenn die Schauspielschüler des ersten Jahrgangs im Unterricht eine Körpermaschine bauen sollen, in der jeder Schüler eine Körperbewegung und ein dazu passendes Geräusch machen und sich dabei perfekt mit den anderen synchronisieren muss, ist das alles andere als leise. Und wo die Großmutter ist, da ist es nie leise.

Überhaupt, die Großeltern. Ein ausschlaggebender Grund für meine Mutter, dieses Buch zu kaufen, war die Tatsache, dass die Großeltern Hermann und Inge heißen – genau wie ihre Eltern, meine Großeltern. (Hermann ist dabei übrigens schon der zweite Hermann – der erste Ehemann von Inge, der „eigentliche Großvater“ (den die Enkel aber nie kennengelernt haben), hieß ebenfalls Hermann.) Nun kann es an den Namen liegen, dass man zwangsläufig nach Gemeinsamkeiten sucht und dann natürlich auch welche findet, aber ja, in der ein oder anderen Situation habe ich mich tatsächlich an meine Großeltern erinnert gefühlt. Hermann zum Beispiel sitzt jeden Tag – obwohl natürlich längst im Ruhestand – an seinem Schreibtisch in seinem Arbeitszimmer und darf dann nicht gestört werden. Inge war selbst ebenfalls Schauspielerin (meine Oma nicht) und auch in ihrem alltäglichen Leben liegt in jeder Erzählung, jeder Bewegung von ihr Theatralik, ein bisschen Drama. Das konnte meine Oma auch.

Mit den Gemeinsamkeiten kam aber auch immer wieder der Gedanke, dass ich meine Großeltern auch gerne so gut gekannt hätte, gerne so viel über sie wüsste, wie Meyerhoff seine Großeltern kannte und von ihnen wusste. An meinen Großvater habe ich leider nur wenig Erinnerungen, auch meine Großmutter ist bereits vor mittlerweile über zehn Jahren verstorben. Allein dadurch war dieses Buch auf eine gewisse Weise auch ein emotionales.

Wie „Alle Toten fliegen hoch“ endet auch dieses Buch mit dem Tod von Familienangehörigen. Aber Meyerhoff schafft es auf eine wunderbare Weise, auf der einen Seite sehr sachlich und auf der anderen hoch-philosophisch über das Leben und auch den Tod zu schreiben:

Die Teppiche selbst zeigten an viel beschrittenen Stellen leichte bis deutliche Abnutzungsspuren. […] Vielleicht ist ja das ganze Leben so, dachte ich: Man hinterlässt eine Spur. Dann überholt einen die eigene Spur. Und von da an verfolgt man sich selbst, versucht immer genau in dieser Spur zu bleiben, weil man sicher ist, das sei für einen der richtige, der einzig sichere Weg.

Vielleicht gefällt mir „Ach, diese Lücke, diese entsetzliche Lücke“ noch ein Stückchen besser als „Alle Toten fliegen hoch“. Auf jeden Fall aber ist dies ein wunderbarer Roman, ganz leicht erzählt und trotzdem mit sehr viel Tiefgang. Dicke Lese-Empfehlung!


M. L. Stedman: The Light Between Oceans
Transworld Publishers

Ein selbstgekauftes Buch, quasi extra für meine freien Urlaubstage. Und was für ein Glücksgriff das war. Die Beschreibung auf der Rückseite klang gut und vor allem die Kritiken anderer Autoren auf den ersten paar Seiten: „Praise“ gab es für diesen Roman unter anderem von Markus Zusak (The Book Thief), Monica Ali (Brick Lane) und quasi jeder Zeitung und Zeitschrift von „Good Housekeeping“ bis zum „Guardian“. Cover war auch hübsch, also gekauft.

Dieses Buch ist eines von denen, das man nicht mehr aus der Hand legen kann, wenn man erst einmal angefangen hat zu lesen. Dabei ist die Erzählung ganz ruhig, langsam, leise. Was einen fesselt, was einen berührt und was die Spannung dieses Romans ausmacht, sind die Gedankengänge der Figuren, unscheinbare Handlungen, die später von großer Bedeutung werden, und die Intensität, mit der gelebt und gehandelt, gedacht und gesprochen wird.

April 1926. Auf einer Insel vor Australien, Janus Rock, wo sich der atlantische und der pazifische Ozean treffen, und die nichts außer einem Leuchtturm, einem Haus für den Leuchtturmwärter und seine Familie und ein paar Schafe beherbergt, wird ein Boot angespült. Tom Sherbourne und seine Frau Isabel, Izzy, sind die einzigen Einwohner auf Janus Rock. Tom hatte Jahre zuvor in Frankreich im ersten Weltkrieg gekämpft und wurde nach seiner Rückkehr nach Australien Leuchtturmwärter. Kurz bevor er den Posten auf Janus Rock antrat, lernte er in Point Partageuse Isabel kennen. Sie verliebten sich quasi auf den ersten Blick ineinander und als er nach sechs Monaten zum nächsten Mal an Land kam, hatte sich daran nichts geändert.

Seit vier Jahren leben sie nun also schon zu zweit auf Janus Rock, als Tom das angetriebene Boot entdeckt. Die Passagiere sind ein toter Mann und ein schreiendes Baby, nur wenige Monate alt. Tom und Isabel stehen vor einer großen Entscheidung.

Mehr über den Inhalt kann ich an dieser Stelle nicht preisgeben, denn jede einzelne Entscheidung, jede Handlung, jede Aussage hat so eine Tragweite, so viele Konsequenzen und das alles macht diesen Roman aus. Wenn ich davon etwas vorwegnähme, würde das die Lesefreude erheblich schmälern.

This is a story about right and wrong and how sometimes they look the same.

So heißt es auf dem Cover des Romans. Ich würde dies ergänzen wollen und sagen: Es ist eine Geschichte über eine Entscheidung, die mal richtig und mal falsch erscheint, betrachtet aus verschiedenen Blickwinkeln, in den Augen verschiedener Figuren. Die Geschichte ist sehr emotional, sehr berührend, sehr intensiv und dabei unglaublich moralisch. Man fühlt als Leser mit der einen Figur mit, sieht die Entscheidung und die Konsequenzen aus ihrer Sichtweise und kann alles nachvollziehen – und im nächsten Moment wechselt die Perspektive und alles, was vorher richtig schien, kommt einem nun falsch vor. Ich habe selten einen Roman gelesen, in dem ich mich so überhaupt nicht auf die Seite einer Person schlagen konnte, weil alle irgendwie richtige und falsche Dinge tun, weil ein und dasselbe für den einen gut, das andere schlecht ist, und weil Stedman das alles detailliert und dabei anschaulich schildert. Der Roman regt sehr zum Nachdenken an, und auch zum Nachfühlen, und ist dabei ganz einfach und wunderschön geschrieben.

Around and around like a merry-go-round of possibilities they whirl and jumble, pulling her with them, first in one direction, then another.

Das beschreibt besser, als ich es je könnte, was diese Erzählung mit einem als Leser macht. Mit jeder Seite, die man umschlägt, betrachtet man die Entscheidungen und Handlungen, die dort gefallen sind oder passieren, in einem anderen Licht, aus einer anderen Richtung.

Neben der fesselnden eigentlichen Handlung, hat Stedman auch eine wunderbare Art des Erzählens, des Beschreibens von Orten und Landschaften und Gegebenheiten. Es hat mich zwar am Anfang ein wenig geschmissen, wenn ich in einem Satz von „April“ und „Herbst“ oder von „Januar“ und „Hitze“ gelesen habe, aber irgendwann hatte ich dann auch verinnerlicht, dass dieses Buch in Australien spielt. Und Point Partageuse, den Ort, aus dem Isabel kommt, und Janus Rock beschreibt Stedman so ausführlich und detailliert, dass sich in meinem Kopf irgendwann ein Film abspulte und ich förmlich auch dort stand – unter blauem Himmel oder im wütenden Sturm.

There are still more days to travel in this life. And he knows that the man who makes this journey has been shaped by every day and every person along the way. Scars are just another kind of memory.

Ich könnte hier jetzt noch das halbe Buch zitieren, aber ich halte mich mal zurück.

He watches the ocean surrender to night, knowing that the light will reappear.

Was ein wunderschöner Schlusssatz, oder?

Das einzige, was es an diesem Buch zu bedauern gibt, ist, dass es (bisher) das einzige dieser Autorin ist.

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