Gelesen – 10/2017

Zwei Bücher pro Monat scheint genau meine Zahl zu sein – mehr bekomme ich aktuell einfach nicht hin. Hier bin ich also wieder mit der Lektüre aus dem Oktober.


Joachim Meyerhoff: Wann wird es endlich wieder so, wie es nie war

Kiepenheuer & Witsch

Weiter geht es mit der Reihe von Joachim Meyerhoff, von der ich hier nun schon zweimal berichtet habe. „Wann wird es endlich wieder so, wie es nie war“ ist der zweite Teil, was bedeutet, dass ich etwas durcheinander gelesen habe. Das ist aber nicht weiter schlimm, denn wie ich letzten Monat schon erklärt habe, sind die einzelnen Teile und Romane in sich abgeschlossen.

Sie stehen sogar so sehr für sich alleine, dass man verschiedene Dinge in jedem Teil auf’s Neue erfährt. Es gibt einige Informationen, die in jedem Roman wieder auftauchen – wenn man die Bücher wie ich in relativ kurzer Zeit nacheinander liest, ist das irgendwann ein klein wenig nervig. Auch abgesehen davon muss ich leider zugeben, dass ich nach der Lektüre dieses Teils ein bisschen enttäuscht war.

„Alle Toten fliegen hoch“, der erste Teil, und der dritte Teil „Ach, diese Lücke, diese entsetzliche Lücke“ haben mich beide sehr begeistert. Vor allem der dritte Teil hat es mir tatsächlich sehr angetan. Die Erwartungen waren dementsprechend recht hoch, als ich mit diesem Buch nun begonnen habe, und sie wurden leider nicht zur Gänze erfüllt.

Kurz zum Inhalt: Der zweite Teil liegt chronologisch am Anfang des Lebens von Joachim Meyerhoff. Er erzählt von seiner Kindheit, die er als jüngster von drei Söhnen eines Psychatriedirektors und seiner Frau in einer norddeutschen Kleinstadt verbracht hat. In einer Psychatrie: Das Haus der Familie befindet sich auf dem Gelände der psychiatrischen Klinik und so ist es für den Erzähler ganz normal, auf dem Schulweg oder in der Freizeit am Nachmittag von den Patienten gesehen, erkannt und angesprochen zu werden und mit den Schreien der psychisch Kranken in den Ohren am Abend einzuschlafen.

Vor allem ist es aber ein Buch, das von der Beziehung des Erzählers zu seinem Vater berichtet: Ein Vater, der als Arzt und Klinikdirektor brilliant ist, aber als Vater und als Mensch immer wieder versagt. Der sich einem jeglichen Thema voller Hingabe widmet und in der Theorie ein Experte ist – für die Praxis dann aber die Hilfe seiner Ehefrau braucht, ob beim Bestellen des Gartens am Wochenendhaus auf dem Land oder beim Segeln.  Der irgendwann sein Leben nicht mehr erträgt, ein Doppelleben beginnt, als die Kinder aus dem Haus sind von seiner Frau verlassen wird – und die glücklichste Zeit in seiner Ehe verlebt, als er todkrank von seiner Frau bis zu seinem Ende zuhause gepflegt wird.

Viele schöne, viele rührende Momente hält auch dieser Roman bereit – aber mir persönlich fehlte nicht nur ein roter Faden, der die einzelnen Gegebenheiten, Erzählungen und Kapitel zusammenhält und zu einem schlüssigen Ende führt, sondern auch die Beziehung zu diesem Vater. Ich kann wenig anfangen mit Leuten, die so unpraktisch sind, so verkopft. Der Vater kam mir wenig väterlich vor und die Tatsache, dass ihn später Krankheit und massives Übergewicht schwach machen und gebrechlich, sorgte bei mir auch nur für wenig Mitgefühl. (Nun wurde mir allerdings erst vor kurzem bescheinigt, ich sei wenig empathisch – es kann also auch daran liegen.)

Nichtsdestotrotz, auch wenn „Wann wird es wieder so, wie es nie war“ für mich gegenüber den anderen beiden Teilen abfällt, war es dennoch eine kurzweilige und unterhaltende Lektüre und ich bin weiterhin gespannt und vorfreudig auf die weiteren Romane, die hoffentlich noch folgen werden. Denn Meyerhoffs Erzählstil ist einfach ein ganz besonderer, dem ich so noch nicht begegnet bin, der sehr humorvoll und fesselnd ist, bei dem man sofort eintaucht in das Geschehen und die Erlebnisse und Erfahrungen dieses Ich-Erzählers.


Harper Lee: To Kill a Mockingbird

Arrow Books

Muss man über dieses Buch viel sagen? Ein Klassiker, aber einer, der mir im Englisch-Kurs in der Schule entgangen ist. Genau dieses Gefühl hatte ich seit einiger Zeit, nachdem ich im Buchladen bei den englischen Büchern diesen Roman in der Hand gehalten hatte, dieses Gefühl äußerte ich meiner Mutter gegenüber, als wir vor einigen Wochen in Enschede in einem Buchladen ebenfalls über dieses Buch stolperten, weswegen sie es dann kurzerhand für mich kaufte.

So ein außer-der-Reihe-Geschenk muss man dann natürlich entsprechend würdigen, weshalb das Buch sofort an die Reihe kam, nachdem das vorherige beendet war. Es war zugegeben nicht ganz einfach zu Beginn, mich in die Geschichte einzufinden, was vor allem an der Sprache lag, an die ich mich einige Seiten lang gewöhnen musste. Es ist das Amerikanisch aus den 30er Jahren, das Amerikanisch aus dem Süden, und an vielen Stellen ist es schwarzes Amerikanisch. Ab einem gewissen Punkt war es aber dann genau die Sprache, die einen Teil des Lesevergnügens ausmachte, als ich mich ausreichend eingefunden hatte, als ich die Unterschiede zwischen Weißen und Schwarzen ausmachen konnte anhand der Sprache, die sie benutzen, als während des Lesens in meinem Hinterkopf kleine Sprachstudien mitliefen und ich über Ausdrücke und Formulierungen, Wendungen und grammatikalische Konstruktionen nicht mehr stolperte, sondern sie aktiv bemerkte und studierte und mich daran freute. (Ja, ich bin ein wenig eigenartig, was Sprache betrifft.)

Wie in „Wann wird es endlich wieder so, wie es nie war“ spielt auch in „To Kill a Mockingbird“ ein Vater eine entscheidende Rolle. Im Gegensatz zu dem Vater von Joachim Meyerhoff ist Atticus Finch aber ein Vater, den ich quasi von der ersten Seite an mochte und bewunderte. Das Buch behandelt so viele Themen – Rassismus und Diskriminierung von Schwarzen, aber auch Klasse(nunterschiede), Geschlechterrollen, Mut und Mitgefühl und Nächstenliebe – und Atticus Finch, der Vater der Ich-Erzählerin Scout (eigentlich Jean Louise) und ihres Bruders Jem, hat auf alle Fragen seiner Kinder die passende Antwort, die richtige Einstellung und gelegentlich auch die perfekte Lösung auf die Probleme, die in der Stadt Maycomb in Alabama auftauchen.

Zunächst war ich noch unschlüssig, wo die Erzählungen von Scout hinführen sollten, von den Spielen in den langen Sommern mit Jem und dem Nachbarsjungen Dill, dem Geheimnis um Boo Radley, der einige Häuser die Straße hinab wohnt, aber nie gesichtet wird und um den sich geradezu schaurig-blutige Geheimnisse ranken, von ihrem Anfang in der Schule, von der Haushälterin Calpurnia und so viel mehr. Aber alle diese Erzählungen folgen hier tatsächlich einem roten Faden, auch wenn er mir erst nach einiger Zeit aufgefallen ist. Aber dann ging in meinem Kopf geradezu ein Licht auf und alles machte Sinn.

Atticus Finch ist Rechtsanwalt und wird zur Verteidigung eines jungen Schwarzen gerufen, der eine weiße junge Frau vergewaltigt haben soll. Atticus macht seine Sache hervorragend, führt vor allem den Vater der Frau vor Gericht gewaltig vor und zeigt deutlich auf, dass es wohl der Vater war, der seine Tochter geschlagen und die Vergewaltigung durch Tom Robinson erfunden hat als Erklärung für die Wunden im Gesicht der Frau. Dennoch verurteilt die Jury Tom zum Tode. Obwohl er und seine Familie vor Gericht also Recht bekommen haben, ist Bob Ewell, der Vater, anschließend nicht gut auf Atticus zu sprechen, denn der hat ihn, der mit seinen Kindern und ohne Frau sowieso (im wahrsten Sinne des Wortes) am Rande der Gesellschaft lebt, auch noch vor quasi der ganzen Stadt lächerlich gemacht.

Es kommt schließlich nach einem Fest in der Schule und einem kleinen Schauspiel, in dem Scout eine (tragende) Rolle spielen und sie und ihr Bruder im Dunklen am Abend allein den Weg von zuhause zur Schule und zurück bestreiten durften, zum Höhepunkt, an dem auch Boo Radley in Erscheinung tritt.

Atticus Finch schafft es mit der Erziehung seiner Kinder, die von seiner Schwester immer wieder kritisiert wird, in Scout und Jem ein tiefes Empfinden dafür zu schaffen, was richtig und was falsch ist. So viele wunderbare Stellen könnte ich dafür heranziehen und hier zitieren, aber ich beschränke mich mal auf folgendes Zitat:

„Naw Jem, I think there’s just one kind of folks. Folks. […] „That’s what I thought, too“, he said at last, „when I was your age. If there’s just one kind of folks, why can’t they get along with each other? If they’re all alike, why do they go out of their way to despise each other? Scout, I think I’m beginning to understand something. I think I’m beginning to undersand why Boo Radley’s stayed shut up in the house all this time… it’s because he wants to stay inside.“

Atticus lässt seine Tochter Hosen tragen, weil sie die lieber mag als Kleider und Röcke. Er lässt seinen Kindern alle Freiheiten, er beantwortet ihnen alle Fragen, er macht keinen Unterschied zwischen arm und reich, zwischen schwarz und weiß. Er schenkt ihnen Luftgewehre zu Weihnachten, erklärt ihnen aber, „shoot all the bluejays you want, if you can hit ‚em, but remember, it’s a sin to kill a mockingbird.“ Die Spottdrossel* ist das Symbol für Unschuld und Harmlosigkeit – mehrere Interpretationen sind möglich, wer damit eigentlich gemeint ist.

„To Kill a Mockingbird“ war für mich eine Lehrstunde in vielerlei Hinsicht und dabei gleichzeitig ein absolutes Lesevergnügen. Zu lesen, wie die Kinder ihre Sommerferien verbringen, mit ausgedachten Spielen und von morgens bis abends draußen, erinnert ein bisschen an Bullerbü. Gleichzeitig sind diese Kinder so gescheit und einfach nur richtig, mit dem Herz am richtigen Fleck, einem tiefen Verständis davon und Empfinden dafür, was richtig und was falsch, was moralisch gut und verwerflich ist. Ein tiefer Einblick in das Leben in Alabama, im Süden Amerikas, Anfang des 20. Jahrhunderts. Und eine Erinnerung daran, einen Menschen nie, nie, nie nach seinem Äußeren zu beurteilen:

„An‘ they chased him ’n‘ never could catch him ‚cause they didn’t know what he looked like, an‘ Atticus, when they finally saw him, why he hadn’t done any of those things… Atticus, he was real nice…“ […] „Most people are, Scout, when you finally see them.“

*“Mockingbird“ ist eigentlich zoologisch gesehen die Spottdrossel. In der deutschen Übersetzung wurde sie jedoch durch die Nachtigall ersetzt. Warum, ist nicht ganz klar. Jedoch ist die Spottdrossel wohl zum einen sowieso überwiegend nur in Nordamerika beheimatet, zum anderen in Europa, in Deutschland, weitgehend unbekannt und bei Vögeln mit schönem Gesang, was die Spottdrossel charakterisiert, kommt uns eher die Nachtigall in den Sinn, weswegen sie wohl in der deutschen Version eingefügt wurde.

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