Gelesen – 05/2018

Monatsanfang. Es ist jetzt Juni und ich kann hier wieder einmal meine Lektüre des letzten Monats präsentieren. Die ist heute eher übersichtlich: Ein Roman ist es.


Charlotte Brontë: Jane Eyre
Penguin Books

Ich fand‘, es war mal wieder Zeit für einen Klassiker. Im Buchladen (ich unterstütze ja eigentlich die Ketten nicht so gerne, aber eine Filiale einer großen, bekannten Buchhandlung hier in Münster hat eine wirklich tolle, umfangreiche Auswahl an englischsprachigen Büchern) habe ich eine Weile zwischen Orwells „1984“ und eben „Jane Eyre“ geschwankt. Die Entscheidung für letzteres ist dann gefallen, weil ich annahm oder hoffte, dass sich „1984“ vielleicht auch im heimischen Bücherregal meiner Eltern finden lassen würde, „Jane Eyre“ dagegen nur in dem riesigen Brontë-Sammelband vertreten ist, der zwar hübsch anzuschauen, aber zum Lesen (noch dazu unterwegs) einfach viel zu unhandlich ist.

Also „Jane Eyre“. Mein erster Roman von Charlotte Brontë, bisher kannte ich nur „Wuthering Heights“ von ihrer Schwester Emily. Tatsächlich war aber Charlotte Brontë diejenige der drei Schwestern, die am meisten Werke publizierte, wenn auch „Wuthering Heights“ wohl der weltweit bekannteste Roman der Brontë-Schwestern ist.

In „Jane Eyre“ erzählt die Titelperson in einer Rückschau dem Leser ihr Leben. Sie beginnt mit ihrer Kindheit, die sie als Waise fast ausschließlich im Haushalt ihres Onkels Mr. Reed, dessen Frau und drei Kindern verbrachte, da ihre Eltern fast zeitgleich an Typhus gestorben sind, als Jane noch ein Kleinkind war. Spätestens nach dem Tod des Onkels ist Jane hier aber bestenfalls geduldet, sie wird von ihrer Tante als Last angesehen, von ihren Cousinen und Cousins körperlich angegriffen, beschimpft, bestraft, verachtet. Jane ist eher zurückhaltend und schüchtern, doch als sie schließlich auf eine Schule für arme Mädchen/Waisen geschickt wird, Lowood Institution, setzt sie sich zum ersten und letzten Mal ihrer Tante entgegen, bevor sie Gateshead verlässt.

Jane lernt gerne und ist fleißig, doch Lowood, geleitet von dem Geistlichen Mr. Brocklehurst, ist nicht der sichere Ort, den Jane sich vielleicht vorgestellt hat. Es herrscht ein striktes Regime, die Schulleiterin Miss Temple ist zwar freundlich zu den Mädchen, doch sie muss den Anweisungen Mr. Brocklehursts Folge leisten: Die Schülerinnen müssen einen strengen Tagesablauf befolgen, Mahlzeiten werden rationiert und stillen nie den Hunger, es ist kalt und feucht. Jane findet es schwierig, sich mit den Gegebenheiten und Ungerechtigkeiten abzufinden, sie ist oft wütend und rebellisch und will mehr erreichen. Nach einer Typhus-Epidemie, der viele Schülerinnen zum Opfer fallen, wird Mr. Brocklehurst von der Leitung der Schule entbunden und die Lage wird ein wenig erträglicher. Jane bleibt schließlich acht Jahre lang in Lowood, zunächst als Schülerin und später als Lehrerin. Als Miss Temple die Schule verlässt, sucht und findet Jane eine Stelle als Gouvernante.

Sie wird Lehrerin und Freundin der kleinen Adèle, die in Thornfield Hall als Mündel von Mr. Rochester aufwächst. Thornfield Hall ist ein großes Haus, aber das Leben dort ist ruhig, bis Mr. Rochester von seinen Reisen zurückkehrt und das Haus wieder bewohnt. Es dauert eine Weile, bis Jane und er sich sympathisch sind, doch nach und nach bemerkt Jane, wie sie sich in ihn verliebt. Als von einer Hochzeit zwischen ihm und einer hübschen, jungen, weltgewandten Dame die Rede ist, kommt Eifersucht dazu. Als Jane Mr. Rochester erklärt, sie würde es nicht aushalten von ihm getrennt zu sein, wenn nach der Hochzeit Adèle auf eine Schule geschickt und sie selbst eine neue Stelle antreten würde, gibt er zu, dass die Hochzeitspläne nur ein Vorwand waren und macht stattdessen ihr einen Antrag, den sie annimmt. Am Tag der Hochzeit jedoch stellt sich heraus, dass Mr. Rochester bereits verheiratet ist. Seine Frau, Bertha Mason, ist dem Wahnsinn anheimgefallen und wird wie ein wildes Tier in einer Kammer unter dem Dach gehalten. Mr. Rochester will Jane überreden dennoch bei ihm zu bleiben, aber sie lehnt das ab. Da eine Heirat unmöglich ist, solange seine erste Frau noch lebt, verschwindet sie heimlich und spurlos mitten in der Nacht aus dem Haus.

Sie wandert drei Tage – zunehmend hungrig, müde und krank – durch England, bis sie in Moor House von St. John Rivers und seinen Schwestern Mary und Diana aufgenommen wird. Rivers, der örtliche Pfarrer – jung, gutaussehend, sehr gebildet und damit so ziemlich das genaue Gegenteil von Mr. Rochester – verschafft Jane, als sie wieder bei Kräften ist, eine Stelle als Lehrerin im Ort. Nachdem sie von einem unbekannten Onkel, der in Madeira lebte, eine große Erbschaft erhält, kommt heraus, dass St. John, Mary und Diana ihre Cousinen und Cousins sind und von eben diesem Onkel in ihrem Testament nicht bedacht wurden. Jane teilt ihre Erbschaft mit ihrer neu gewonnenen Familie. Die Bitte von St. John, ihn zu heiraten und mit ihm auf Missionarsreise nach Indien zu gehen, lehnt sie ab, da sie keinen Mann heiraten will, der sie nicht liebt, sondern nur als nützliches Werkzeug für seine Pläne betrachtet.

Sie verlässt Moor House und kehrt nach Thornfield Hall zurück, das sie in Ruinen vorfindet und Mr. Rochester in einem abgelegenen Landsitz. Seine Frau hatte das Haus angezündet und wenn er auch mit dem Leben davon kam (im Gegensatz zu ihr) ist er nun fast blind und auf ständige Hilfe angewiesen. Aber er ist jetzt ein freier Mann und Jane mittlerweile eine erwachsene Frau und vor allem vergleichsweise reich, unabhängig und selbstständig. Und ja, es gibt ein Happy End.

Knapp 550 Seiten, für die ich einen Monat gebraucht habe – leicht zu lesen war das jetzt nicht unbedingt. Und das liegt nicht in erster Linie daran, dass die Sprache aus dem 19. Jahrhundert stellenweise ein wenig gewöhnungsbedürftig und mein Lesetempo langsamer ist als normal. Das Buch hat mich jetzt auch nicht so sehr in seinen Bann gezogen wie manches andere und das liegt, glaube ich, daran, dass es immer eine gewisse Distanz gab zwischen mir und den Personen, mir und Jane. Obwohl der Roman in der 1. Person geschrieben ist, obwohl es Jane selbst ist, die ihre Geschichte erzählt, ist sie mir fremd geblieben und nicht einmal unbedingt immer sympathisch gewesen. Mehr noch – Mr. Rochester ist mir zu keinem Zeitpunkt sympathisch geworden, auf mich wirkte er herrisch, arrogant, gemein und herablassend und ich konnte und kann beim besten Willen nicht nachvollziehen, wie Jane diesen Mann, der noch dazu fast doppelt so alt war wie sie, lieben konnte.

„Solche“ Bücher, Brontë oder Austen oder auch deutsche Klassiker, lese ich tatsächlich häufig eher weniger wegen der Geschichte selbst, weniger, weil ich die Charaktere mag, mit ihnen mitfühle und mich in sie hineinversetzen kann, wie es sonst der Fall ist, sondern mehr auf eine fast schon analytische Weise. Ich lese es, weil ich die Sprache faszinierend finde, weil es mich interessiert, wie die Personen damals gelebt und gedacht haben.

Und auf diese Weise betrachtet finde ich dann auch Jane sehr faszinierend, denn egal, welches Bild man ansonsten von ihr vermittelt bekommt, für die damalige Zeit war sie eine sehr außergewöhnliche Frau und Heldin eines Romans: unabhängig, bestimmt, rebellisch, revolutionär, eine Frau, die sich als dem Mann ebenbürtig ansah und das auch einforderte. Eine Frau, die anführen und leiten und befehlen konnte. Eine Frau, die sich nicht über ihr Aussehen definierte, sondern über ihren Intellekt, und die ihren eigenen Platz in der Gesellschaft einforderte und nicht nur die „Frau von“ sein wollte. Ich bin nicht besonders feministisch eingestellt, aber das – in der Zeit! – hat mich dann doch sehr für Jane eingenommen.

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