Sich selbst verstecken

Beschreibung: Viele haben vermutlich inzwischen von dem Interview gehört, dass ein schwuler Fußballprofi gegeben hat und in dem er anonym über sein Leben, das ständige Versteckspiel und die Angst vor einem Outing spricht.
Disclaimer: Kursiv gedrucktes sind entweder Aussagen des Fußballers aus dem Interview oder Zitate aus diesem Artikel. Der fett gedruckte Text am Schluss stammt aus dem Lied „M&F“ der Ärzte. Der Rest gehört mir und spiegelt meine eigene Meinung zu dem Thema Homosexualität wider.

„Ich muss täglich den Schauspieler geben und mich selbst verleugnen.“
„Normalität gibt es nicht.“
„Ich wäre nicht mehr sicher, wenn meine Sexualität an die Öffentlichkeit käme.“

Worum es hier geht? Eigentlich nichts Außergewöhnliches. Es sind Zitate, Auszüge aus einem Interview. Einem Interview eines schwulen Fußballspielers. Einem Interview, das hohe Wellen schlägt, das positive und negative Resonanz zugleich hervorruft.

Wir leben im 21. Jahrhundert. In Deutschland, einem Land mit einem schwulen Außenminister, der zu offiziellen Anlässen seinen Lebensgefährten mitbringt, mit schwulem Bürgermeister von Berlin, mit schwulen und lebischen Fernsehmoderatoren und –moderatorinnen. Aber eben nicht mit schwulen Fußballern.

Jeder weiß, dass es sie gibt, die schwulen Fußballer. Rein statistisch gesehen schon muss es sie geben. Aber es wird nicht darüber gesprochen. Allein die Tatsache, dass ein solches, anonymes, Interview solche Aufmerksamkeit auf sich zieht, ist doch falsch. Die Tatsache, dass die Bundeskanzlerin sich genötigt sieht, homosexuellen Spielern Unterstützung zuzusagen, ist falsch. Denn es sollte keine Rolle spielen, wer wen liebt. Eigentlich.
Ein böses Wort, dieses „eigentlich“. Denn es beschreibt die Differenzen zwischen dem, was sein sollte, und dem, was tatsächlich ist.

„Die große Diskussion um meine Person kann ich mir einfach nicht erlauben“, heißt es in dem Interview.
Traurig, aber wahr: Ein Outing würde große Diskussionen nach sich ziehen. Ein Outing würde große Aufmerksamkeit erzeugen, die, ob positiv oder negativ behaftet, zu verstärktem Druck auf den Spieler führen würde. Mal abgesehen von homophoben, menschenverachtenden und absolut unangebrachten Kommentaren, Äußerungen und Aktionen sogenannter Fans, die, auch wenn sie im Grunde nur von mangelnder Intelligenz zeugen, dem betroffenen Spieler in ihrer Häufig- und Heftigkeit garantiert zusetzen würden.

Kein Mensch sollte gezwungen sein, seine Sexualität verstecken zu müssen, ist sie doch das Natürlichste, was es gibt. Ob Mann, ob Frau, viel entscheidender als die Frage, wen man liebt, ist doch, dass man liebt. Nichts und niemand gibt irgendjemandem das Recht, darüber zu urteilen. Dennoch maßen sich viele genau das an, was schon in den Kommentaren zu dem Interview jetzt deutlich wird.

Ein Mann ist und bleibt ein Mann, egal wen er liebt. Ob er Fußball spielen kann, hängt nicht davon ab, ob er eine Freundin oder einen Freund hat. Und er ist und bleibt ein Mensch mit Gefühlen, wie jeder andere Mensch auch.  Gefühle, die ein schwuler Fußballer unterdrücken und verstecken muss, jeden Tag, in jeder Situation. Vermutlich kann man als Außenstehender nicht einmal erahnen, wie schwer und kraftraubend es sein muss, ständig mit der Angst vor einem ungewollten Outing zu leben.

Auch die schönen Worte der Bundeskanzlerin oder des Präsidenten eines großen deutschen Bundesliga-Vereins nützen da herzlich wenig: „Er lebt in einem Land, in dem er sich vor einem Outing nicht fürchten muss.“  Klingt ja super – wäre da nicht gerade eben noch der Fall eines Kölner Fußballprofis gewesen, der seinen Vertrag auflösen ließ und quasi aus der Stadt flüchtete, weil Anhänger des Vereins ihm so sehr zugesetzt hatten, dass er sich seines Lebens nicht mehr sicher fühlte. Homosexualität spielte in diesem konkreten Fall keine Rolle, aber es glaubt doch wohl niemand ernsthaft, dass ein Fußballprofi, der sich als schwul outet, weniger Probleme bekäme als dieser Mann.
„Der Fußball ist offen genug dafür“ – natürlich, daran soll’s nicht liegen. Ist ja auch nicht so, als hätten nicht auch schwarze Fußballer immer wieder Probleme mit Stadionbesuchern, die ihnen lediglich aufgrund ihrer Hautfarbe Böses wollen.

Sie sind eigentlich verdammt traurig, diese Aussagen. Wie man sich als schwuler Fußballprofi dabei fühlen muss, kann ich nicht wissen, aber für mich sind sie nichts als leere Worte. Sie verleugnen die Tatsachen, damit die Verantwortlichen ja nicht in die Situation geraten, Auswege und Lösungen für das Problem zu suchen, das es nun einmal gibt.

Man kann nur hoffen und alles Mögliche dafür tun, dass unsere Gesellschaft sich ändert. Dass es homosexuellen Fußballern irgendwann möglich sein wird sich zu outen, ohne Furcht vor der Öffentlichkeit. Dass Homosexualität als ebenso normal anerkannt wird wie Heterosexualität. Denn das ist sie. Die Nachricht, XY führt eine Beziehung mit einem Mann, sollte nicht mehr Aufsehen erregen als die Meldung, dass AB und seine Frau ihr zweites Kind bekommen.

Leider ist die Lage im Moment noch nicht so. Aber vielleicht ist das Interview ein erster Schritt auf diesem Weg. Hoffentlich stimmt es viele Menschen in Deutschland nachdenklich. Der Fußballer verdient jedenfalls vollsten Respekt. So offen über dieses Thema zu sprechen war sicherlich nicht leicht und verlangt eine Menge Mut.
Ich wünsche ihm alles erdenklich Gute und die Kraft, sich nicht unterkriegen zu lassen, und erhoffe mir von der Gesellschaft in Deutschland mehr Toleranz im Umgang mit Homosexualität im Allgemeinen und im Fußball im Besonderen.

Manche Männer lieben Männer, manche Frauen eben Frauen.
Da gibt’s nichts zu bedauern und nichts zu stauen.
Das ist genau so normal wie Kaugummi kauen
Doch die meisten werden sich das niemals trauen.
(Die Ärzte, „M&F“)

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